DETEC - Federal Department of the Environment, Transport, Energy and Communications of the Swiss Confederation

07/31/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/31/2026 10:42

Bewährte Werte, erprobte Rezepte

RedeVeröffentlicht am 31. Juli 2026

Bewährte Werte, erprobte Rezepte

Fehraltdorf, Val Müstair, St. Moritz, Sigriswil und Uetendorf, 31.07.2026 - 1.-August-Rede von Bundesrat Albert Rösti

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Es gibt kaum etwas Schöneres, als an einem Tag wie heute durch das Land zu reisen und verschiedene Orte in der Schweiz zu besuchen:

Unsere gepflegten Dörfer, unsere eindrückliche Landschaft, aufgestellte Leute, die in fröhlicher Stimmung zusammenkommen, um den Geburtstag unseres Landes zu feiern. All das lässt uns spüren, wie privilegiert wir sind, ein so grossartiges Land zu haben.

Dieses Gefühl ist nicht nur eine persönliche Wahrnehmung - es lässt sich auch mit Zahlen und internationalen Vergleichen untermauern. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt; gemäss dem UBS Wealth Report haben wir den höchsten Vermögensdurchschnitt.

Die Schweizer Wirtschaft ist ausserordentlich produktiv: Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf liegt in der Schweiz klar über dem der USA und noch viel deutlicher über dem im Euroraum.

Bei der Innovation liegt die Schweiz gemäss der Weltorganisation für Geistiges Eigentum, einer Organisation der UNO, an der Spitze, vor Schweden und den USA - und diesen Platz nimmt unser Land seit 2011 ununterbrochen ein.

Auch bei der Wettbewerbsfähigkeit schneiden wir hervorragend ab: Gemäss dem World Competitiveness Ranking liegt die Schweiz auf einem der Spitzenplätze, hinter Singapur und Hong Kong. Das alles ist Grund für Dankbarkeit und - bei aller Bescheidenheit - auch für ein wenig Stolz auf das, was wir erreicht haben.

Und doch: Schleicht sich da nicht auch manchmal die bange Frage ein, ob das immer so bleiben wird? Ob wir uns die geordneten Verhältnisse, den grossen Wohlstand, die hohe Lebensqualität, den hohen Standard bei der Infrastruktur, bei der Bildung, im Gesundheitswesen usw., ob wir uns das alles auch in Zukunft weiterhin werden erhalten können?

Die vertraute Weltordnung bröckelt…

Vielleicht schauen wir dann über die Grenzen, vielleicht schauen wir, was in der Welt alles passiert - und dann wird es einem schon ein wenig «gschmuch».

Wir sehen Nachbarländer mit grossen wirtschaftlichen Problemen; wir sehen, wie Staaten, die bislang als starke Pfeiler der Weltordnung galten, kaum noch eine stabile Regierung bilden können; Grossbritannien etwa: Es hat nun den siebten Premierminister in zehn Jahren; oder Frankreich: In den letzten zehn Jahren waren sogar acht Premierminister im Amt.

Wir beobachten, wie auch in vielen westlichen Staaten die politische Polarisierung zunimmt, wie gesellschaftliche Spannungen wachsen und das Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet.

Man kann rasch den Eindruck gewinnen: Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten; die alte Ordnung zerfällt; junge, aufstrebende Mächte verdrängen die etablierten, neue Blöcke und Allianzen formen sich; auf dem Gebiet der Wirtschaft liefern sie sich bereits ein geoökonomisches Ringen, in dem Lieferketten in Frage gestellt, neue Handelsschranken errichtet und Zölle eingeführt werden.

Um uns herum brodelt und brennt es…

Und noch schlimmer: An vielen Orten auf dieser Welt brodelt und brennt es; es wird gestritten, gekämpft und gelitten.

Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon über vier Jahre. Mittlerweile sogar länger als der Erste Weltkrieg. Immer mal wieder gibt es Hoffnungen auf einen Frieden, oder immerhin auf einen Waffenstillstand, aber dann geht es weiter und weiter mit dem schlimmen Töten und Sterben.

Am 7. Oktober 2023 griff die Hamas Israel an. Danach kam es zum Krieg in Gaza. Und etwas später zu Gefechten auch im Libanon. Seither hängt über dem Nahen Osten das Damoklesschwert der Eskalation.

Ende Februar begannen Luftangriffe auf den Iran. Dieser sperrte als Reaktion darauf die Strasse von Hormus. Im Juni gab es Verhandlungen, unter anderem auch in der Schweiz. Ein Waffenstillstand wurde ausgehandelt - und bald wieder gebrochen.

Seither ist es ein dramatisches Hin und Her, ein ewiges Auf und Ab, Ankündigungen von Durchbrüchen wechseln sich ab mit Dementi und Drohungen - der Ausgang bleibt ungewiss.

Diese Ungewissheit spiegelt sich seit Monaten in den starken Schwankungen des Ölpreises. Und hohe Energiepreise wirken sich - mit etwas Verzögerung - negativ auf die Wirtschaft aus. Darum geht jetzt die Angst um vor einer Rezession.

Für viele Länder, vor allem in der Dritten Welt, schlägt sich die Krise am persischen Golf mehr noch als im knappen Öl oder Gas im verteuerten Dünger nieder - mit Folgen für Landwirtschaft und Lebensmittelkosten. Und aus Erfahrung wissen wir: In diesen fragilen Staaten schlägt das schnell in politische Unruhen um.

Wenn wir all diese Entwicklungen betrachten, bleibt vor allem die Erkenntnis: Gewissheiten werden brüchig, Vertrautes verliert seine Selbstverständlichkeit. Was einst sicher schien, wird unsicher. Die Ungewissheit ist zur neuen Begleiterin geworden.

Die alte neue Normalität

Aber man kann das auch anders sehen; es gibt auch den Blick aus einer anderen Perspektive: Die ruhigen und stabilen Jahre der Prosperität, des scheinbar ewigen Aufschwungs, die hinter uns liegen, sind historisch gesehen nicht die Regel, sie sind die glückliche Ausnahme, eine Anomalie der Geschichte. Was wir erleben, ist daher eine Rückkehr zur Normalität.

Denn die Geschichte ist eine Abfolge von grossen Herausforderungen, von Umbrüchen und von Verwerfungen, leider auch von Katastrophen, Krisen und Kriegen.

Die Generationen vor uns haben wenig anderes gekannt, sie haben immer wieder schwierige Zeiten erlebt, waren immer wieder mit existentiellen Krisen konfrontiert, oft auch mit materieller Not, mit militärischer Bedrohung sogar - Generationen von Schweizerinnen und Schweizern sind den harten Prüfungen ihrer Zeit mit Durchhaltewillen und Standhaftigkeit begegnet und haben ihre Heimat bewahrt, die wir heute in Frieden und Freiheit bewohnen dürfen.

Bewährte Werte, erprobte Rezepte

Ich weiss: Das ist jetzt auf den ersten Blick eine etwas beklemmende Botschaft für eine 1.-August-Rede. Aber eben nur auf den ersten Blick, denn an dieser Sichtweise ist nicht alles negativ und niederschmetternd.

Im Gegenteil, es liegt auch sehr viel Zuversicht und sehr viel Kraft darin. Denn trotz aller Verwerfungen und Bedrohungen, die Schweiz gibt es immer noch.

Sie hat über die Jahrhunderte gute Rezepte entwickelt, wie sie als Land durch die Wirren der Zeit steuern kann.

Und diese über Generationen erprobten Rezepte sollten wir uns in Erinnerung rufen, wenn am Horizont des Zeitgeschehens dunkle Wolken auftauchen:

Freie Wirtschaft

Ich beginne mit der freien Wirtschaft: Um diese Zeit vor einem Jahr haben die USA Zölle von 39 Prozent auf Importe aus der Schweiz verhängt. Für die betroffenen Branchen war das ein Schock; später konnten wir dann einen Satz von 15 Prozent aushandeln. Momentan stehen wir jetzt bei 12.5 Prozent. Und der Protektionismus nimmt weltweit zu, auch darin zeigt sich diese Unsicherheit, diese Unbeständigkeit, die ich vorhin erwähnt habe.

Das ist schwierig und unangenehm, aber es ist nicht neu - wir erleben die alte neue Normalität: Vor ungefähr hundert Jahren, in den 1920er-Jahren, verfolgten die Amerikaner unter Präsident Herbert Hoover eine ähnliche Politik wie heute. Sie erhoben Importzölle von bis zu 60 Prozent; auch damals mit dem Argument, ihre heimische Wirtschaft zu schützen. In der Schweiz traf es damals vor allem die stark exportorientierte Uhrenbranche.

Das zeigt uns: Unser Land musste immer wieder flexibel auf unvorteilhafte Umstände reagieren. Unsere Wirtschaft zeigt gerade mit dieser Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ihre grosse Stärke.

Allerdings braucht sie dazu die bestmöglichen Rahmenbedingungen: Die Schweiz baut auf Freiheit, Eigeninitiative und Verantwortung. Menschen sollen Ideen verwirklichen, Unternehmen sollen investieren, wachsen und Arbeitsplätze schaffen können.

Wettbewerb treibt Innovation voran: Gute Ideen setzen sich durch, Unternehmergeist wird belohnt und Einsatz eröffnet neue Chancen.

Der Staat reguliert zurückhaltend; nur, wenn es zwingend nötig ist, denn die Dynamik entsteht in der freien Gesellschaft und in der freien Wirtschaft - durch Menschen, die wagen, anpacken und Neues schaffen.

Deshalb dürfen wir die wirtschaftliche Kraft nicht durch übermässige Regulierung schwächen. Wenn wir das beherzigen, werden wir - wie schon damals vor einem Jahrhundert - auch heute Herausforderungen wie zunehmenden Protektionismus meistern können.

Eigenverantwortung

Was für die Wirtschaft gilt, gilt für fast alle Bereiche unserer Gesellschaft: Eigenverantwortung und Eigeninitiative geben diesem Land die wichtigsten Impulse:

Es ist kein Zufall, dass wir das Land der Vereine sind - schätzungsweise etwa 100 000 zählt die Schweiz. Die üppige Vereinslandschaft ist ein Abbild unserer Schweizer Mentalität:

Worum es auch immer gehen mag, vom Sport über die Kultur bis zur Gemeinnützigkeit, es schliessen sich Frauen und Männer zusammen, um einen gemeinsamen Zweck zu verfolgen. Man packt die Dinge selbst an, man ruft nicht nach dem Staat.

Und übrigens: Diese Eigenverantwortung zeigt sich auch im Milizprinzip. Bürgerinnen und Bürger übernehmen freiwillig Aufgaben und Funktionen in den Gemeinden, im Kanton oder auf Bundesebene. Dabei nicht zu vergessen: Unsere Landessicherheit verdanken wir unserer Milizarmee.

Direkte Demokratie

Die Eigenverantwortung hat in der Direkten Demokratie ihre staatspolitische Ausgestaltung gefunden; oder anders gesagt: Sie sind zwei Seiten derselben Medaille; sie gehören zusammen.

Die Bürgerinnen und Bürger tragen die Verantwortung für die Geschicke unseres Landes - und sie nehmen sie sehr umsichtig wahr.

Ein gutes Beispiel der jüngeren Geschichte ist die Einführung der Schuldenbremse vor 25 Jahren: In den 90er-Jahren ist die Bundesschuld beunruhigend angestiegen. Wie in anderen Ländern auch, aber die Schweiz hat reagiert. Der Verfassungsartikel über die Schuldenbremse wurde in der Volksabstimmung vom 2. Dezember 2001 mit überwältigenden 85 Prozent Ja-Stimmen angenommen.

Ich hebe die Schuldenbremse nicht wegen des Jubiläums besonders hervor, sondern weil sie die Vorzüge unserer Staatsordnung so schön illustriert. Sie zeigt, was uns von andern abhebt, was wir besser machen:

Während in vielen Ländern die Staatsschulden ausser Kontrolle geraten, die Sparbemühungen scheitern und darüber Regierungen zerbrechen, hat in der Schweiz der Souverän dem Ausgabenwachstum klare Grenzen gesetzt.

Und das ist schon bemerkenswert: Die Schweizerinnen und Schweizer entschieden sich nicht in erster Linie für staatliche Wohltaten, sondern für einen haushälterischen Umgang mit dem Steuergeld.

Wenn ich vorhin gesagt habe, die Schweiz habe Rezepte entwickelt, um auch in schwierigeren Zeiten zu bestehen, dann gehört unser verantwortungsvolles Haushalten ganz sicher auch dazu:

Der Bund verzeichnete Ende 2025 eine Schuldenquote von 16,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Zum Vergleich ein paar Zahlen: im Euroraum betragen die Schulden im Schnitt 90 Prozent, in Frankreich sind es 117,1 Prozent, in den USA 127,7 Prozent, in Italien 139,3 Prozent und in Japan 249,9 Prozent.

Hinter unseren guten Zahlen steht jedoch mehr als finanzpolitische Disziplin. Sie spiegeln ein Staatsverständnis wider, das Verantwortung eng mit Mitbestimmung verbindet. Ohne das Volk werden keine wichtigen Entscheide gefällt. Auf allen Staatsebenen hat es in wichtigen Fragen das letzte Wort.

Wir Schweizerinnen und Schweizer können so häufig abstimmen, wie sonst niemand. Bis heute hat weltweit rund die Hälfte aller nationalen Volksabstimmungen in der Schweiz stattgefunden.

Um ehrlich zu sein: Als Bundesrat ist das nicht immer nur angenehm, weil man auch die eine oder andere Abstimmung verliert. Da beneidet man vielleicht einmal einen ausländischen Minister, der einfach durchregieren kann. Aber genau darin liegt die Stärke unseres Systems: Weil uns das Volk mit Initiativen und Referenden den Weg weist, entfernt sich die Schweizer Politik nie allzu weit von der Bürgerschaft - denn wir werden unweigerlich zurückgepfiffen.

Unsere Direkte Demokratie ist ein einmaliges System, das unser Land im Zustand des Ausgleichs hält, während in andern Staaten Blockaden die Politik lähmen und Konflikte nicht selten sogar auf der Strasse ausgetragen werden.

Föderalismus

Der andere wichtige Wesenszug unserer politischen Ordnung neben der Direkten Demokratie ist der Föderalismus: Wenn ich ausländischen Ministern die Schweiz, unseren Föderalismus und die Rolle der Kantone erkläre, dann staunen sie regelmässig, dass ein so kleines Land wie die Schweiz nochmals in 26 Kantone aufgeteilt ist, die alle ihre Verfassung, ihre Institutionen und ihre Eigenständigkeit haben.

Diese Kleinräumigkeit wird ja oft belächelt, man spricht vom Kantönligeist. Ich sehe das anders: Dank den Kantonen können wir die Lösungen suchen, die regional am besten passen.

Die Schweiz hat sich dank dieser föderalen Struktur ausgewogener und dezentraler entwickeln können als andere Länder, in denen ein starkes Zentrum dominiert, während grosse Landesteile den Anschluss verlieren.

Direkte Demokratie und Föderalismus geben der Schweiz die grosse Stabilität, für die unser Land weltberühmt ist - wir sehen das beispielsweise am starken Schweizer Franken:

Wenn irgendwo auf der Welt die Spannungen steigen, dann ist der Schweizer Franken der sichere Hafen, in den die Anleger flüchten.

Bewaffnete Neutralität

Doch die Stabilität der Schweiz beruht nicht nur auf ihrer innenpolitischen Ordnung. Ebenso wichtig ist der Grundsatz, der unsere Aussenpolitik seit Jahrhunderten leitet: Die bewaffnete Neutralität.

Sie hat unserem Land ermöglicht, auch in unruhigen Zeiten seinen eigenen Weg zu gehen; sie ist unser Rezept, um durch die Irrungen und Wirrungen der zwischenstaatlichen Beziehungen zu navigieren.

Schon vor vielen hundert Jahren hat die Schweiz aus bitteren Erfahrungen ihre Lehren gezogen: Als Kleinstaat müssen wir uns aus den Machtkämpfen der Grossmächte heraushalten; als Kleinstaat müssen wir vermeiden, in den Strudel der Geopolitik zu geraten. In der Auseinandersetzung der Grossen kann der Kleine nur verlieren.

Besser halten wir freundliche Distanz, pflegen Handel und Austausch - und bieten unsere Guten Dienste an, wenn wir irgendwo helfen können.

Unsere Neutralität war nie ein bequemes Wegducken. Sie war nie ein Ausdruck von Gleichgültigkeit. Im Gegenteil: Sie verleiht uns die Glaubwürdigkeit, dort zu vermitteln, wo andere nicht mehr miteinander sprechen. Unsere Guten Dienste und unsere humanitäre Tradition sind Ausdruck dieser besonderen Rolle.

Manchmal zweifeln wir selbst an dieser Rolle - auch dazu ein Beispiel, das ungefähr ein Jahrhundert zurückliegt:

Im Jahr 1920 trat die Schweiz dem Völkerbund bei, einer Organisation ähnlich wie heute die UNO. Dafür musste sie ihre Neutralität teilweise aufgeben. Bundesrat Giuseppe Motta, ein Idealist der Völkerverständigung, hatte nach einem heftigen Abstimmungskampf eine Mehrheit gewonnen.

Er traf mit seinem Idealismus den damaligen Zeitgeist, der vom Glauben an die internationale Diplomatie beseelt war.

Das erwies sich bald als schwerer Fehler. Beinahe hätte das zu einem Krieg mit Italien geführt. Der Völkerbund brachte die Schweiz in einen Konflikt mit unserem südlichen Nachbarland, das damals wegen seiner Eroberung Äthiopiens sanktioniert wurde. Als Mitglied des Völkerbundes war nun die Schweiz angehalten, sich gegen Italien zu positionieren. Dieses reagierte mit militärischen Drohungen.

Unter dem Eindruck akuter Kriegsgefahr besann sich die Schweiz dann gerade noch rechtzeitig auf ihren bewährten Grundsatz und kehrte zur integralen Neutralität zurück.

Energie

Ein historisches Déjà-vu erleben wir auf dem Gebiet, mit dem ich als Bundesrat und Vorsteher des UVEK betraut bin:

Der Krieg in der Ukraine und dann der Krieg im Iran haben die Energieversorgung vieler Länder erschüttert. Plötzlich wurde uns wieder bewusst: Energie ist keine Selbstverständlichkeit. Und von ihr hängt nahezu alles ab, was in unserem modernen Alltag selbstverständlich ist.

Im Herbst 1973 befanden wir uns in einer ähnlichen Situation. Damals drosselten die grossen Exporteure im Nahen Osten ihre Produktion, weil sie dem Westen die Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg vorwarfen. Die Ölpreise schnellten in die Höhe, man fürchtete um die Versorgung - einige mögen sich vielleicht noch an autofreie Sonntage erinnern. Das Ereignis ging als Erdölschock in die Geschichte ein.

Als Reaktion darauf entstand in unserem Land zum ersten Mal eine umfassende Energiepolitik. Ziel war die Förderung einheimischer Energiequellen und die Steuerung von Produktion und Verbrauch. Dazu gehörte die Kernkraft als damals wichtiges Element dieser Strategie.

Somit wurde aus dem Schock ein Anstoss - ein Anstoss, die Energieversorgung des Landes sicherer zu gestalten.

Nun befinden wir uns in einer vergleichbaren Situation: Krieg und politische Spannungen zeigen, wie verwundbar die Energieversorgung vieler Länder in Westeuropa ist. Die Schweiz muss momentan keine Versorgungsengpässe befürchten, aber die Unsicherheit schlägt sich in schwankenden Energiepreisen nieder. Und die spüren auch wir.

Vor allem aber hat uns die volatile Lage vor Augen geführt: Energie ist auch eine politische Waffe. Und wer Energie nicht selbst erzeugen kann, der ist abhängig und letztlich erpressbar.

Deshalb setze ich als verantwortlicher Bundesrat auf die Förderung der heimischen Produktion, zum Beispiel auf den Ausbau der Wasserkraft. Zudem habe ich eine Vorlage ausarbeiten lassen, die das Kernkraftverbot in der Schweiz aufhebt. Das Parlament hat diesem Schritt in der Sommersession zugestimmt.

Damit kann sich die Schweiz für die Zukunft alle Optionen offenhalten. Wir schliessen nicht länger aus ideologischen Gründen eine Energiequelle aus. Das können wir uns schlicht nicht leisten. Denn der Energiebedarf wird weiter steigen. Die Elektrifizierung schreitet voran. Die Digitalisierung ebenso. Für beides brauchen wir verlässliche, sichere und ausreichende Energie.

Gerade in einer Welt zunehmender Unsicherheit müssen wir darauf achten, dass wir in existenziellen Bereichen möglichst eigenständig bleiben. Das gilt insbesondere für unsere Energieversorgung.

Zusammenhalt

Ich will mit einem letzten Gedanken schliessen:

Wenn wir am Geburtstag der Schweiz auf unser Land schauen und darüber hinaus auf die Welt, ja, dann sehen wir Wandel und Wechsel in hoher Kadenz, wir sehen Unbeständigkeit und Ungewissheit.

Aber wir dürfen uns auch vergewissern: Wir haben als Schweiz Erfahrung darin, mit Unsicherheiten umzugehen und Herausforderungen zu meistern.

Und wir haben bewährte Prinzipien, an denen wir uns orientieren können. Wirtschaftsfreiheit, Eigenverantwortung, Direkte Demokratie, Föderalismus, bewaffnete Neutralität, möglichst grosse Eigenständigkeit auch bei der Energie.

Jetzt muss ich hier noch einen wichtigen - vielleicht den wichtigsten - Wert hinzufügen:

Als Berner kann ich es natürlich nicht unterlassen, an die Schlacht von Murten zu erinnern, die vor 550 Jahren stattgefunden hat. Es war eine von drei Schlachten in den Burgunderkriegen, in denen Bern und die Eidgenossen erfolgreich die Expansion des Burgunderreichs abwehren und die Freiheit unseres Landes sichern konnten.

Später, im 18. Jahrhundert, verfasste der Berner Gelehrte und Dichter Albrecht von Haller eine Inschrift für das Murtener Schlachtdenkmal. Dort war unter anderem zu lesen:

«Nicht unser Ahnen Zahl, nicht künstliches Gewehr,
Die Eintracht schlug den Feind, die ihren Arm belebte.
Kennt Brüder Eure Macht; sie liegt in Eurer Treu,
O würde sie noch jetzt bei jedem Leser neu!»

Ich meine, das ist - in Hallers Sprache des 18. Jahrhunderts formuliert -, was auch heute noch vor allem anderen zählt: Die Eintracht; heute würden wir sagen, der Zusammenhalt der Bevölkerung, der Zusammenhalt der Schweizerinnen und Schweizer.

Wenn wir diesen Zusammenhalt weiter pflegen - unter anderem auch mit solchen Feiern wie heute - dann dürfen wir optimistisch sein; dann dürfen wir mit grosser Zuversicht in die Zukunft gehen, auch wenn diese ungewiss und unbeständig sein mag.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen 1. August - und unserem Land, dass es weiterhin die Grundsätze bewahren kann, die uns über Generationen den Weg gewiesen haben.

DETEC - Federal Department of the Environment, Transport, Energy and Communications of the Swiss Confederation published this content on July 31, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on July 31, 2026 at 16:42 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]