07/27/2026 | Press release | Archived content
Nachricht vom 27.07.2026
Mit tiefer Trauer nehmen wir Abschied von unserem Kollegen Professor Ralf Seidel. Er ist am 17. Juli 2026 plötzlich und völlig unerwartet verstorben. Sein Tod hinterlässt eine große Lücke. Wir vermissen ihn in unserer Fakultät, in der internationalen Forschung und als Menschen.
Ralf Seidel wurde am 4. Dezember 1973 geboren. Er wurde früh als außergewöhnliches wissenschaftliches Talent sichtbar. Bereits als Schüler errang er zweimal Preise bei der Internationalen Physikolympiade. Er studierte Physik an der Technischen Universität Dresden, gefördert von der Studienstiftung des deutschen Volkes, und verbrachte einen Studienabschnitt an der Staatlichen Universität St. Petersburg. Nach dem mit der Lohrmann-Medaille ausgezeichneten Diplom im Jahr 1999 promovierte er an der TU Dresden über Methoden für eine DNA-basierte Nanoelektronik. Dieses Thema zeichnete seinen späteren Weg an der Schnittstelle von Physik, Biologie und Nanotechnologie bereits vor. Als Postdoktorand am Kavli Institute of Nanoscience der TU Delft arbeitete er in der Gruppe von Cees Dekker und wandte sich der Einzelmolekül-Biophysik zu.
Zurück in Deutschland leitete er ab 2006, gefördert durch ein Emmy-Noether-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, eine eigene Nachwuchsgruppe am Biotechnologischen Zentrum der TU Dresden. Nach einer Professur an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster folgte er 2015 dem Ruf an die Universität Leipzig, wo er als Professor für Molekulare Biophysik wirkte und die gleichnamige Arbeitsgruppe aufbaute und prägte.
Im Zentrum seiner Forschung stand die Frage, wie die molekularen Maschinen des Lebens im Einzelnen funktionieren. Mit selbst entwickelten biophysikalischen Werkzeugen, magnetischen und optischen Pinzetten sowie Einzelmolekül-Fluoreszenzmethoden machte er die Aktivität und die Zustände einzelner Biomoleküle in Echtzeit sichtbar. So untersuchte er, wie das Erbgut im Zellkern verpackt wird, wie Motorenzyme gebrochene DNA reparieren und wie CRISPR-Cas-Systeme ihre programmierbaren Zielsequenzen erkennen. Zugleich war er ein Wegbereiter der DNA-basierten Nanotechnologie. Er nutzte die DNA als Baumaterial, um dreidimensionale Nanostrukturen mit maßgeschneiderter Funktion zu erschaffen, bis hin zu bioinspirierten nanoelektronischen und nanooptischen Systemen. Seine Arbeiten fanden weltweit hohe Beachtung und wurden unter anderem mit Förderungen des Europäischen Forschungsrats (ERC) ausgezeichnet.
Ralf Seidel war jedoch weit mehr als ein exzellenter Forscher. Als akademischer Lehrer verstand er es, Studierende für die Physik zu begeistern und ihnen die Schönheit präziser experimenteller Arbeit zu vermitteln. Als Mentor begleitete er zahlreiche Doktorandinnen und Doktoranden sowie Postdocs, förderte sie mit Geduld und Großzügigkeit und freute sich aufrichtig über ihre Erfolge. Wer mit ihm zusammenarbeitete, erlebte einen Menschen von scharfem Verstand, ansteckender Neugier und großer persönlicher Wärme.
Sein plötzlicher Tod erfüllt uns mit Fassungslosigkeit. Wir verlieren einen inspirierenden Wissenschaftler, einen engagierten Lehrer und einen geschätzten Freund. In Dankbarkeit für alles, was er gegeben hat, werden wir sein Andenken bewahren.
Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Angehörigen und allen, die ihm nahestanden.
In tiefer Trauer
Prof. Dr. Johannes Quaas, Dekan der Fakultät für Physik und Erdsystemwissenschaften
Prof. Dr. Frank Cichos, Prodekan Forschung der Fakultät für Physik und Erdsystemwissenschaften
Prof. Dr. Katja Taute, Institutsdirektorin des Peter-Debye-Instituts
Sowie alle Mitarbeiter:innnen des Peter-Debye-Instituts, insbesondere der Arbeitsgruppe Molekulare Biophysik