WHO - World Health Organization Regional Office for Europe

08/18/2026 | Press release | Archived content

Mehr als nur eine Mutter: Ein vertiefter Einblick in die Gesundheit und Sterblichkeit von Frauen

Die Gesundheit von Frauen wurde lange Zeit aus der Sicht der Mutterschaft definiert. Schwangerschaft und Geburt gehören zu den intensivsten und einschneidendsten Erfahrungen, die eine Frau machen kann, und bilden somit von jeher einen wichtigen Schwerpunkt der Gesundheitspolitik und ihrer Investitionen. Doch die Daten zeichnen ein komplexeres Bild.

Eine Erfolgsgeschichte mit Einschränkungen

In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Müttersterblichkeit in der Europäischen Region der WHO allgemein zurückgegangen (Abb. 1). Das ist ein Fortschritt: Mehr als 98 % der Geburten in der Europäischen Region finden in einer Gesundheitseinrichtung statt, und etwa 99 % werden von fachkundigem Gesundheitspersonal begleitet. Zu verdanken ist dieser Erfolg einer verbesserten klinischen Versorgung, einer besseren Surveillance und einer anhaltenden Aufmerksamkeit der Politik.

Abb. 1: Trotz schwankender Werte ist die Zahl der Todesfälle infolge von schwangerschaftsbedingten Erkrankungen in der Europäischen Region der WHO insgesamt rückläufig. Quelle: WHO

Fast alle maternalen Todesfälle sind allerdings vermeidbar und können durch wirksame Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit oder durch eine zeitnahe und hochwertige Versorgung verhindert werden. Dennoch starben zwischen 2018 und 2022 in der Europäischen Region der WHO mehr als 3500 Frauen an schwangerschaftsbedingten Ursachen. Tatsächlich stagniert die Müttersterblichkeit seit 2013 und ist in Ost- und Nordeuropa sogar gestiegen.

Nicht nur Müttersterblichkeit

Auch wenn die Müttergesundheit mehr Aufmerksamkeit erhält, so ereignen sich doch die meisten Todesfälle bei Frauen außerhalb der Mutterschaft. Frauen leben länger als je zuvor, jedoch nicht unbedingt bei guter Gesundheit. Im Vergleich zu Männern verbringen sie mehr Jahre mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen.

Zugleich lassen Trends bei der Gesamtsterblichkeit (alle Ursachen) anhaltende geografische Ungleichheiten erkennen. Obwohl die Sterblichkeit bei Frauen in der gesamten Europäischen Region seit 2000 allgemein zurückgeht, hat der Wohnort einer Frau nach wie vor entscheidenden Einfluss auf ihre Chancen auf ein langes und gesundes Leben. So ist in Osteuropa, Westasien und Zentralasien die Sterblichkeit bei Frauen nach wie vor deutlich höher als in Nord-, Süd- und Westeuropa. Diese Kluft ist seit mehr als zwei Jahrzehnten unverändert (Abb. 2). Daraus ergibt sich die Frage: Wenn die Fortschritte selbst in den am besten dokumentierten Bereichen der Frauengesundheit unbeständig sind, wie verhält es sich dann in den weitaus weniger beachteten Bereichen?

Abb. 2: Ein anhaltendes Ost-West-Gefälle bei der Frauensterblichkeit. Quelle: WHO

Ein von Prioritäten geprägtes System

Gesundheitssysteme und die ihnen zugrunde liegenden Daten sind ein Abbild gesellschaftlicher Prioritäten. Daher sind politische Handlungskonzepte und Interventionen in diesem Bereich häufig auf Frauen im gebärfähigen Alter ausgerichtet. Diese Ausrichtung ist zum Teil durch demografische Belange bedingt, zumal Fertilitäts- und Bevölkerungstrends zunehmend ins Blickfeld rücken. Diese Schwerpunktlegung birgt jedoch ein Risiko: Frauen werden vorrangig behandelt, wenn sie als zentral für die Fortpflanzung angesehen werden, jedoch in den Jahrzehnten davor oder danach übersehen. Die Folgen dieses Ungleichgewichts schlagen sich auch in den Daten nieder.

Es geht nicht nur darum, wie Frauen sterben, sondern auch, wie wir ihren Tod erfassen

Bei nahezu allen häufigen Todesursachen ist die Sterblichkeit bei Männern höher als bei Frauen (Abb. 3).

Abb. 3: Bei sämtlichen führenden Todesursachen in der Altersgruppe ab 45 Jahren ist die Sterblichkeit bei Männern höher als bei Frauen. Quelle: WHO

Eine genauere Betrachtung lässt jedoch ein anderes Muster erkennen. Bei Frauen ab 45 werden Todesfälle deutlich häufiger in unzureichend definierten Kategorien erfasst und offiziell als "nicht näher bezeichnete Todesursachen" klassifiziert. Dazu gehören Begriffe wie Gebrechlichkeit, Herzstillstand, Herzversagen, nicht näher bezeichnete Demenz oder einfach unbekannte Ursachen. Tatsächlich werden die Todesursachen bei Frauen dieser Altersgruppe mit rund 14 % höherer Wahrscheinlichkeit als "nicht näher bezeichnet" eingestuft als bei Männern (Abb. 4).

Abb. 4: Frauen ab 45 sterben verhältnismäßig häufiger an einer nicht näher bezeichneten Ursache als Männer derselben Altersgruppe. Quelle: WHO

Dieser Unterschied bei Todesfällen aufgrund nicht näher bezeichneter Ursachen ist bis zu einem gewissen Grad zu erwarten. Frauen leben länger, und im höheren Alter treten häufig multiple chronische Erkrankungen auf, was die Feststellung der Todesursache erschwert. Dennoch erklärt dieser Umstand die Diskrepanz nicht ganz. Es gibt zunehmend Anzeichen dafür, dass Frauen verzögerte Diagnosen erhalten, weniger gründlich untersucht werden und in der klinischen Forschung, insbesondere im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nach wie vor unterrepräsentiert sind.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen - die häufigste Todesursache sowohl bei Männern als auch bei Frauen - manifestieren sich bei Frauen oft anders und werden möglicherweise unterdiagnostiziert. Diese Faktoren beeinflussen nicht nur die Frage, wie Frauen zu Lebzeiten behandelt werden, sondern auch, wie ihre Todesfälle erfasst werden.

Wenn Todesfälle unzureichend definiert werden, wirkt sich das nicht nur auf die Datenqualität aus, sondern führt auch zu einer Verschleierung der tatsächlichen Krankheitslast, zu einer Schwächung der Präventionsstrategien und zur Verzerrung von Forschungsschwerpunkten. Im Endeffekt werden Frauen weniger sichtbar - nicht nur in den Gesundheitssystemen, sondern auch in den Daten, die Entscheidungen prägen.

Die unsichtbaren Risiken

Auch andere Risiken, etwa Gewalt, werden weiterhin nicht ausreichend erkannt. Bei einem Vergleich der Müttersterblichkeit mit der Sterblichkeit aufgrund gewaltsamer Ursachen tritt ein Gegensatz zutage (Abb. 5).

Abb. 5: Frauen sterben häufiger an den Folgen von Gewalt als an maternalen Erkrankungen. Quelle: WHO

Zugleich stellen die verfügbaren Daten zu Gewalt gegen Frauen vermutlich eine Unterschätzung des tatsächlichen Ausmaßes des Problems dar. Gewalt gegen Frauen wird aufgrund von Stigmatisierung, gesellschaftlichen Normen und rechtlich sensiblen Sachverhalten häufig nicht ausreichend gemeldet und ist daher einer der am schwierigsten zu messenden Indikatoren.

Noch besorgniserregender ist die Altersverteilung. Gewalt gegen Frauen wird oft als ein Problem wahrgenommen, das vor allem jüngere Frauen betrifft, doch verschwindet das Risiko nicht mit zunehmendem Alter. Auch ältere Frauen sind von Gewalt in der Partnerschaft, psychischer Misshandlung und anderen Formen von Gewalt betroffen, und auch das Risiko eines Femizids hält im gesamten Lebensverlauf an.

Das Fortbestehen von Gewalt bis ins hohe Alter ist Ausdruck einer umfassenderen Herausforderung, nämlich der Frage, wie wir die Gesundheit von Frauen verstehen und damit umgehen. Wenn wir die Frauengesundheit eng definieren, übersehen wir nicht nur die biologischen und klinischen Bedürfnisse alternder Frauen, sondern erkennen auch nicht die umfassenderen Risiken, die ihr späteres Leben prägen.

Ältere Frauen haben mit einer wachsenden Belastung durch chronische Erkrankungen, Behinderungen und Hilfebedürftigkeit, etwa aufgrund von Erkrankungen des Bewegungsapparats, Demenz und anderen neuropsychiatrischen Erkrankungen, zu kämpfen, die sich erheblich auf ihre Lebensqualität, Funktionsfähigkeit und Pflegebedürfnisse auswirken können. Dennoch finden diese Themen oft weitaus weniger Beachtung als die reproduktive und die mütterliche Gesundheit, obwohl sie einen Großteil der Jahre betreffen, die Frauen in schlechter Gesundheit verbringen, und letztlich auch für viele ihrer Todesfälle verantwortlich sind.

Eine umfassendere Definition von Frauengesundheit

Um die gesundheitliche Kluft zwischen Frauen und Männern zu beseitigen, reicht eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung allein nicht aus. Vielmehr gilt es, die Datensysteme zu stärken, die unser Verständnis der Frauengesundheit im gesamten Lebensverlauf prägen.

Dies erfordert Verbesserungen
  • in der Diagnostik: durch eine umfassendere klinische Forschung, ein stärkeres Bewusstsein für geschlechtsspezifische Krankheitssymptome und Behandlungen sowie chancengerechtere Diagnoseverfahren;
  • bei der Überwachung der Bevölkerungsgesundheit: durch bessere Daten zur Langzeitpflege, mehr nach Alter und Geschlecht aufgeschlüsselte Analysen und eine stärkere Berücksichtigung älterer Frauen in Gesundheitsstatistiken; und
  • in Bezug auf Erkenntnisse zur Sterblichkeit: durch eine bessere Feststellung der Todesursachen, eine gründlichere Untersuchung von Todesfällen im höheren Alter und eine höhere Spezifität hinsichtlich der Kodierung.

Empfohlene Maßnahmen

Sofortinvestitionen sind vonnöten, um raschere Fortschritte bei der Erreichung des Nachhaltigkeitsziels 5.2, der Beseitigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens zu erzielen und die Durchführung von Gesetzen und sonstigen Vorschriften auf Ebene der Europäischen Region voranzutreiben.

Die Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO sollten:
  1. Gewalt gegen Frauen in ihren nationalen Gesundheitskonzepten thematisieren und unterstützende Umfelder schaffen;
  2. im Gesundheitswesen Konzepte zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen einführen;
  3. die Verfügbarkeit von unentbehrlichen Leistungen, einschließlich der Versorgung von Vergewaltigungsopfern, sicherstellen;
  4. Hindernisse für Überlebende beim Zugang zu einer hochwertigen, auf Rechte gestützten Gesundheitsversorgung abbauen; und
  5. Qualitätssicherungs- und Rechenschaftslegungsmechanismen entwickeln.

Methodik:

Der Begriff "Frauen" bezieht sich in diesem Artikel auf Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und deren Geschlecht bei den Behörden ihres Landes entsprechend eingetragen ist. Seit 2026 enthält die Mortalitätsdatenbank der WHO Daten zu drei Geschlechtskategorien, da dies die Angaben sind, die der WHO von den Mitgliedstaaten vorgelegt werden: "männlich", "weiblich" und "divers".

Die in diesem Artikel verwendeten Daten wurden aus der Mortalitätsdatenbank der WHO heruntergeladen. Darin werden nach Land und Gebiet, Jahr, Geschlecht, Alter und Todesursache aufgeschlüsselte Sterblichkeitsdaten zusammengetragen, die jährlich von den nationalen Behörden aus ihrem Melderegister und ihrer Bevölkerungsstatistik übermittelt werden. In der Datenbank werden nur Daten mit einer Vollständigkeitsrate von mindestens 65 % veröffentlicht.

Die in diesem Beitrag behandelten Länder gehören zur Europäischen Region der WHO, die aus 53 Ländern in Europa und Teilen Asiens besteht. Diese Länder wurden zu Analysezwecken in Teilregionen zusammengefasst. Die Teilregionen beruhen auf den geografischen Regionen des Statistischen Amtes der Vereinten Nationen.

Teilregion

Länder

Zentralasien

Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan

Westasien

Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Israel, Türkei, Zypern

Osteuropa

Belarus, Bulgarien, Polen, Republik Moldau, Rumänien, Russische Föderation, Slowakei, Tschechien, Ukraine, Ungarn

Nordeuropa

Dänemark, Estland, Finnland, Irland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen, Schweden, Vereinigtes Königreich

Südeuropa

Albanien, Andorra, Bosnien und Herzegowina, Griechenland, Italien, Kroatien, Malta, Montenegro, Nordmazedonien, Portugal, San Marino, Serbien, Slowenien, Spanien

Westeuropa

Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Monaco, Niederlande, Österreich, Schweiz

Aufgrund unterschiedlicher Verfahren der Datenerhebung und -übermittlung beschränkt sich dieser Beitrag auf Daten bis einschließlich 2022, das letzte Jahr, für das für die Mehrheit der Länder in der Region umfassende Angaben zur Sterblichkeit vorliegen.

Einige Länder melden keine Sterblichkeitsindikatoren, wenn die Zahl der erfassten Todesfälle unter einen bestimmten Schwellenwert fällt. Dies geschieht, um den Datenschutz zu gewährleisten und die Identifizierung einzelner Personen zu verhindern.

Außerdem wurden Andorra, Monaco und San Marino aus dieser Analyse ausgeschlossen, da sie der WHO keine Sterblichkeitsdaten melden.

Um regionsweite Trends genauer abzubilden und die Auswirkungen jährlicher Schwankungen abzuschwächen, werden in diesem Bericht 5-Jahres-Durchschnitte (2018-2022) herangezogen. Dieser Ansatz gleicht statistische Ausreißer aus und stellt sicher, dass es sich bei den ermittelten Herausforderungen um Muster und Trends, nicht um Ausnahmen handelt.
WHO - World Health Organization Regional Office for Europe published this content on August 18, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on September 15, 2026 at 23:04 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]