Westfälische Wilhelms-Universität Münster

09/11/2026 | Press release | Distributed by Public on 09/11/2026 08:28

'Die Mathematik läuft Gefahr, ihre Kernkompetenzen zu verlieren'

Prof. Dr. Christian Seis © Uni Münster - Johannes Wulf

"Die Mathematik läuft Gefahr, ihre Kernkompetenzen zu verlieren"

Podcast: Wie der Mathematiker Christian Seis die Rolle von künstlicher Intelligenz bei der Lösung eines Jahrhundertproblems einschätzt

Es war ein Paukenschlag, der in den vergangenen Tagen die Welt der Mathematik in Aufruhr versetzt hat: Eines der sieben sogenannten Millenniumprobleme ist gelöst. Allerdings hat im Fall der Navier-Stokes-Gleichungen kein Mensch den Durchbruch erzielt, sondern das US-amerikanische Forschungs- und Softwareunternehmen für künstliche Intelligenz (KI), OpenAI. "Das ist in der Sache selbstverständlich ein riesiger Fortschritt", betont Dr. Christian Seis, der am Institut für Analysis und Numerik der Universität Münster eine Professur für angewandte Mathematik innehat. "Andererseits sehe ich die große Gefahr, dass die Mathematik den Gewinn von Erkenntnissen als einer ihre Kernkompetenzen verliert", sagte er in der aktuellen Folge der Podcast-Reihe "Umdenken" der Universität Münster (https://wwucast.podigee.io/95-neue-episode). Das Instrument der künstlichen Intelligenz spiele selbstverständlich auch in der Mathematik schon lange eine Rolle. "Aber die KI sollte immer nur unser Sparringspartner sein. Sonst laufen wir Gefahr, dass wir in Zukunft nur noch dazu da sind, um von Maschinen gelöste Probleme zu verifizieren."

Zum Hintergrund: Mit den Navier-Stokes-Gleichungen kann man beispielsweise beschreiben, wie sich Gase und Flüssigkeiten ausbreiten, wie sich Luft bewegt, Wasser oder Öl durch ein Rohr fließt oder sich Hoch- und Tiefdruckgebiete auf das Wetter auswirken. An der jetzt diskutierten Lösung haben Berichten zufolge rund 10.000 KI-Agenten 88 Stunden lang gearbeitet und dabei fast drei Millionen Nachrichten ausgetauscht. Einem Bericht der britischen Rundfunkanstalt BBC zufolge belaufen sich die Kosten für die Rechenressourcen auf etwa 8,5 Millionen Euro. Für das Knacken der sieben mathematischen Millenniumproblem hat das US-amerikanische Clay Mathematics Institute im amerikanischen Denver im Jahr 2000 ein Preisgeld von je einer Million US-Dollar ausgeschrieben.

Unabhängig von diesen Spekulationen und der noch ausstehenden endgültigen Bestätigung der Lösung steht für Christian Seis schon jetzt fest: "In der Mathematik zeichnen sich damit sehr grundsätzliche Veränderungen ab."

Umdenken - der Podcast der Universität Münster

Im Podcast der Universität Münster kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort. Sie berichten über ihre Forschungsschwerpunkte, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre persönliche Motivation. Alle Folgen sind auf Spotify, Deezer, Apple Podcasts und unter folgendem Link zu hören: https://www.uni-muenster.de/kommunikation/podcast/index.html

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