04/22/2026 | Press release | Distributed by Public on 04/22/2026 03:12
Nr. 046/2026 vom 22.04.2026
Das John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin startet mit der "Ernst Fraenkel Lecture" eine neue Vortragsreihe zu Fragen um Demokratie, Recht und Gesellschaft. Den Auftakt macht am Mittwoch, 29. April, ein hochaktueller Vortrag zur Zukunft der Staatsbürgerschaft in den Vereinigten Staaten. Unter dem Titel "Birthright Citizenship, Ltd.: The Controversy over Trump's Executive Order 14610" wird Prof. Brook Thomas von der University of California, Irvine, die juristischen und politischen Grundlagen der Staatsbürgerschaft in den USA beleuchten. Der Vortrag richtet sich auch an die breite Öffentlichkeit, um eine Anmeldung wird gebeten per E-Mail an: [email protected].
Das John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU erinnert mit "Ernst Fraenkel Lecture" an Institutsgründer und seine bis heute aktuellen gesellschaftlichen Analysen.
Bildquelle: FU / John-F.-Kennedy-Institut
Ausgangspunkt der ersten "Ernst Fraenkel Lecture" ist die historische Entwicklung des 14. Verfassungszusatzes, der das Prinzip der auf dem Geburtsort beruhenden Staatsbürgerschaft ("birthright citizenship") festschreibt. Im Zentrum des Vortrags wird die von Donald Trump angestrebte Abschaffung dieses Grundsatzes durch ein präsidiales Dekret stehen. Sollte es rechtlich Bestand haben, könnte dies gravierende Folgen haben - insbesondere für in den USA geborene Kinder von Migrantinnen und Migranten, deren Aufenthaltsstatus bislang keinen Einfluss auf den Erwerb der Staatsbürgerschaft hatte.
Der aktuelle Bezug zum deutsch-amerikanischen Juristen und Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel (1898-1975) wird durch die jüngere Rechtsprechung deutlich: So verwies die Richterin des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, Ketanji Brown Jackson, in einem abweichenden Votum auf zentrale Argumente aus der klassischen Analyse des NS-Staates in Fraenkels Hauptwerk The Dual State.
Im Anschluss an den Vortrag wird erstmals der Ernst Fraenkel Dissertationspreis verliehen, ausgeschrieben von der Stiftung für Humanität und Toleranz. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis zeichnet herausragende Dissertationen aus, die wissenschaftliche Exzellenz mit gesellschaftlicher Relevanz verbinden und zentrale Spannungsfelder moderner Demokratien sichtbar machen.
Mit der neuen Vortragsreihe gedenkt das John-F.-Kennedy-Institut seinem Gründer Ernst Fraenkel - eine der prägenden Figuren der deutschen Politikwissenschaft. Geboren in Köln als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, wurde Fraenkel im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. Nach seiner Promotion zum Dr. jur. im Jahr 1923 arbeitete er als Rechtsanwalt in Berlin und vertrat auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten politisch und rassisch Verfolgte. Wegen zunehmender NS-Repressionen musste er 1938 in die USA emigrieren, wo er an der Universität von Chicago noch einmal eine juristische Qualifikation erwarb und 1941 unter dem Titel The Dual State veröffentlichte, eine bis heute einflussreiche Analyse der nationalsozialistischen Herrschaft. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er im US-Staatsdienst und war unter anderem an Konzepten zur Demokratisierung Deutschlands beteiligt.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Anfang der 1950er Jahre wurde Fraenkel zu einem der zentralen Wegbereiter der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik. An der Freie Universität Berlin übernahm er eine Professur und trug maßgeblich zum Aufbau der Disziplin bei. Mit der Gründung des Amerika-Instituts im Jahr 1963 setzte er seine Vision einer interdisziplinären Amerikaforschung um.
Noch im selben Jahr wurde das Institut in "John-F.-Kennedy-Institut" umbenannt - in posthumer Würdigung des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy sowie in Anerkennung der umfassenden Unterstützung, die die Vereinigten Staaten der jungen Westberliner Universität seit ihrer Gründung 1948 gewährt hatten. Zugleich spiegelte die Namensgebung die enge Verflechtung der Freie Universität Berlin mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts wider - eine Verbindung, die sich auch in Fraenkels eigener Biographie eindrucksvoll zeigt.
Mit der neuen Vortragsreihe will das John-F.-Kennedy-Institut auch Ernst Fraenkel interdisziplinäre Vision von Amerikastudien einem breiten Publikum zugänglich machen und einen kritischen Raum für die Diskussion von Fraenkels Werk bieten, dessen anhaltende Relevanz gerade für die USA in den letzten Jahren deutlich geworden ist. Zugleich greift das Institut eine bis 2018 etablierte Tradition der "Ernst Fraenkel Distinguished Lectures Series" wieder auf und verbindet die Wiederaufnahme mit einem Neubeginn im aktuellen politischen Kontext. (cxm)