01/28/2026 | Press release | Distributed by Public on 01/28/2026 03:16
Im 4. Jahrhundert vor Christus eroberte Alexander der Große das Perserreich der Achämeniden. "Einige Teilnehmer seiner Feldzüge berichten darüber, sodass wir recht gute, teilweise sehr detaillierte Informationen über die Feldzüge Alexanders haben", sagt Stefan Hauser, Professor für Mediterrane und Vorderasiatische Archäologie an der Universität Konstanz. Vom Indus zurückgekehrt nach Mesopotamien wollte Alexander von Susa, der Hauptstadt des Achämenidenreiches, weiter auf dem Wasserweg nach Babylon. Bei dieser Gelegenheit soll er erkannt haben, dass ein neuer Hafen gebraucht wird.
Denn das südliche Mesopotamien war schon damals von starker Sedimentierung, also Ablagerung von Schwemmmaterial, betroffen, das der Tigris und vor allem der eher träge Euphrat heranführten. Dadurch verlagerte sich die Küstenlinie des Persischen Golfs immer weiter ins vormalige Meer hinein. Der neue Hafen sollte Alexandria am Tigris werden, gelegen am Zusammenfluss des von Osten und Susa kommenden Flusses Karun und des Tigris, etwa 10 Stadien (ca. 1,85 km, altes Längenmaß) vor der Meeresküste entfernt. Doch was wurde aus der Stadt, die später Charax Spasinou oder Charax Maishan genannt wurde und von der römische Autoren und Inschriften in der syrischen Oasenstadt Palmyra berichten? Wie kann man heute mehr darüber erfahren?
Lage von Alexandria/Charax
Erste Annäherungen
Auf Luftaufnahmen der Royal Air Force entdeckte John Hansman in den 1960er Jahren eine kilometerlange Umwallung und Umrisse einer Siedlung. Damals schrieb er seine Doktorarbeit in London über die Flussveränderungen in jener Region in islamischer Zeit. Die Lage der Stätte und die Umwallung erinnerten ihn daran, wie Plinius der Ältere im ersten Jahrhundert n. Chr. Alexandria/Charax beschrieben hatte. Es blieb jedoch bei der Vermutung und einem Kurzbesuch vor Ort. "Die Lage des Ortes, der modern Jebel Khayyaber heißt, war für die weitere Erforschung sehr unglücklich", erklärt Stefan Hauser. "Abgesehen davon, dass die Blütezeit dieses Alexandrias in eine Periode fiel, die in der historisch-archäologischen Forschung lange vernachlässigt wurde, befindet sich der Ort nur 15 km von der iranischen Grenze entfernt. Die Gegend war im Ersten Golfkrieg, in den 1980er-Jahren, zwischen Iran und Irak ein Hauptkampfgebiet. In der Ruine entstand ein Militärlager."
Erst 2014 wagten sich ausländische Expeditionen ins Land, darunter Hausers britische KollegInnen Jane Moon, Robert Killick und Stuart Campbell, die an einer anderen Ausgrabungsstätte nahe Ur arbeiteten. Doch der Leiter der Antiken-Behörde in Basra wollte ihnen noch einen anderen Ort, Jebel Khayabber, zeigen und fragte, ob sie sich vorstellen könnten, dort zu arbeiten. Stoßstange an Stoßstange fuhren sie mit schwer gepanzerten Fahrzeugen - so die damaligen Sicherheitsvorschriften - 50 km zu diesem Ort hoch. Allein von den Ausmaßen der kilometerlangen Umwallung, die heute noch bis zu acht Meter hoch ansteht, zeigten sich die WissenschaftlerInnen sehr beeindruckt. Erst auf dem Rückweg wurde ihnen klar, dass es sich bei dieser riesigen, aber weitgehend flachen Ruine um die berühmte Gründung Alexanders handelte. Im Frühjahr 2016 fand eine erste dreiwöchige britische Kampagne statt. Wenig später holten sich die ArchäologInnen, die selbst auf viel frühere Zeiten spezialisiert waren, Stefan Hauser ins Boot, einen der wenigen Experten weltweit für die Archäologie Vorderasiens in hellenistischer Zeit.
Bis heute beeindruckend: die Umwallung von Alexandria.
Das Modell einer Großstadt
Als Hauser 2017 zum ersten Mal mit seinen KollegInnen in die Gegend kam, hatte die islamistische Terrororganisation, die sich selbst "Islamischer Staat" nannte, noch große Teile des Nordiraks und Syriens unter Kontrolle, sodass die Sicherheitslage im gesamten Land als bedenklich eingestuft wurde. Die Archäologen durften nur Oberflächenuntersuchungen machen, wurden dabei auf Schritt und Tritt von Soldaten oder Polizisten begleitet; sonst durften sie das Camp nicht verlassen. "Über die Jahre sind wir dann die gesamte Umgebung abgelaufen, also über 500 Kilometer insgesamt, und haben alle Oberflächenfunde, vor allem Scherben und Ziegelbruch, dokumentiert, die uns Hinweise auf eine vormalige Besiedlung geben." Anhand tausender Drohnenaufnahmen basteln sie ein Geländemodell und erkennen dabei: Alexandria am Tigris war eine riesige Großstadt!
"Uns wurde nun klar, dass wir hier wirklich das Äquivalent haben zu Alexandria am Nil, der berühmten Stadt in Ägypten. Die Situation ist eigentlich dieselbe: Man gründet dort eine Stadt, wo das offene Meer und die Flusssysteme, also die weiteren Transportsysteme ins Inland, aufeinanderstoßen. Alexandria am Tigris muss seine Funktion als einer der zentralen Knotenpunkte antiken Fernhandels über 550 Jahre perfekt erfüllt haben."
"Wir erkannten schnell, dass ein Großteil der Stadt systematisch angelegt ist. Noch zwei Kilometer südlich der nördlichen Stadtumwallung sehen wir genau parallel dazu angelegte Straßen und Häuserblöcke. Der Aufbau der Stadt muss also einem Gesamtplan gefolgt sein", berichtet Hauser. Doch der Archäologe bemerkt auch Abweichungen im Raster: "Innerhalb von enorm großen Häuserblöcken sehen wir teilweise Gebäudekomplexe, die andere Mauern überlagern und gegenüber dem Raster verschoben sind, also vermutlich aus einer späteren Phase der Stadt stammen."
Hinter insgesamt vier verschiedenen Rasterausrichtungen in Alexandria/Charax erkennt er neben unterschiedlichen Bauphasen auch verschiedene Nutzungsbereiche. Da gab es eine große Wohnstadt, innerhalb der sich mehrere große Tempelanlagen befanden. An einem innerstädtischen Hafen und einer Kanalanlage konzentrierten sich viele Werkstätten, unter anderem mit Brenn- und Schmelzöfen. "In einem weiteren Bereich haben wir eine palastähnliche Anlage, neben der sich keine Straßen finden. Das könnte auf Parkanlagen hinweisen oder auch auf innerstädtischen Gemüseanbau", meint Hauser. Die Lage von Getreidefeldern vermutet er nördlich vor der Stadt, wo sich anhand von Satellitenaufnahmen ein zu der Stadtanlage gehörendes Bewässerungssystem großen Umfangs erschließen ließ.
Die perfekte Lage - vorerst
Während der Existenz von Alexandria/Charax im Zeitraum zwischen 300 v. Chr. und 300 n. Chr. intensivierte sich der Fernhandel zwischen Mesopotamien und Indien, und darüber hinaus mit Afghanistan und China. Südlich des heutigen Bagdads entstanden damals einander gegenüber am Tigris die riesigen Städte Seleukia und Ktesiphon, nacheinander Hauptstädte des Seleukiden- und (ab 141 v. Chr.) des Arsakidenreiches. "Offenbar versumpfte der Euphrat im südlichen Teil. Mit der Gründung von Alexandria/Charax und kurz darauf Seleukia wurde der Tigris zu der Hauptverbindung zwischen Norden und Süden, während der Euphrat und damit auch die alte Hauptstadt Babylon, die immer noch eine große Stadt blieb, an Bedeutung verloren," rekonstruiert Hauser die Situation. In den Hauptstädten wie Seleukia lebten aber nicht nur mächtige Herrscher mit ihrem Hofstaat, sondern auch große Bevölkerungen. Antike Autoren des 1. und 2. Jh. n. Chr. schreiben allein Seleukia 400-600.000 Einwohner zu, ein riesiger Absatzmarkt für Waren aus Indien.
"Alexander gründete Alexandria am Tigris, um als Hafen und Verteilzentrum für den Indienhandel zu dienen. Und wirklich geht der ganze Warenverkehr wohl über diese Stadt. Selbst als mit der weiteren Verlandung neue Häfen südlich gebaut werden, ist das der Punkt, an dem alles erst einmal umgeladen wird", erklärt Hauser.
Zwischen der einst blühenden Handelsmetropole und den heute versunkenen Grundmauern liegen offensichtlich Welten. Was ist mit der Stadt geschehen? Hauser betont: "Alexandria brauchte den Flussanschluss, um seine Funktion erfüllen zu können. Doch der Tigris verlagerte sich zu einem noch nicht genau bekannten Zeitpunkt weiter nach Westen." Um die Umweltveränderung rund um die Stadt festzustellen, arbeitete Hauser mit einem Geologen zusammen, der entsprechende Bohrungen machte, und einer Spezialistin für die Auswertung geophysikalischer Daten.
"Die Siedlung wurde wohl im 3. Jh. n. Chr. weitgehend verlassen," bestätigt Hauser. "Vermutlich lag sie zu dem Zeitpunkt an keinem Fluss mehr und, wie uns antike Quellen berichten, aufgrund der fortschreitenden Verlandung im Süden mittlerweile auch vom Persischen Golf schon 180 Kilometer entfernt. Der Ort verlor seine Bedeutung als Hauptstadt der Region des nördlichen Golfgebietes und Handelszentrum und wurde irgendwann ganz aufgegeben. Die heutige Nachfolgerin ist die Stadt Basra."
Für die Projektarbeit rund um Alexandria am Tigris erhielt Stefan Hauser Förderung von der Gerda Henkel Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von britischer Seite wurden die Forschungen durch den Cultural Protection Fund des British Council gefördert. Weitere Ausgrabungen sind geplant, sobald die ForscherInnen Fördergelder dafür gewinnen können. Alexandria am Tigris wird sich dann noch das eine oder andere Geheimnis entlocken lassen …
Die Konstanzer Professur für Mediterrane und Vorderasiatische Archäologie von Stefan Hauser ist in mehrerlei Hinsicht besonders. Seit 1980 und bis vor wenigen Jahren war die Universität Konstanz die einzige deutsche Universität, in der der Alte Orient im Fach Geschichte mit einer Professur vertreten ist. Außerdem war es deutschlandweit die erste Archäologieprofessur im Rahmen der traditionell Textquellen zugewandten Geschichtswissenschaft.