Westfälische Wilhelms-Universität Münster

06/17/2026 | Press release | Distributed by Public on 06/17/2026 01:01

Seraphine Wegner hat die Vision einer synthetischen lebendigen Zelle

Zwei Orchideen, einander sehr ähnlich, mit einem wichtigen Unterschied: Die eine lebt, die andere (links) ist aus Lego. Für Prof. Dr. Seraphine Wegner symbolisieren ihre beiden Büropflanzen ihre zentrale Forschungsfrage: Wie müssen unterschiedliche, nicht lebendige Moleküle zusammenkommen, damit Leben entsteht? © Uni MS - Linus Peikenkamp

Der Traum von der synthetischen lebendigen Zelle

Chemikerin Seraphine Wegner möchte Prozesse des Lebens verstehen

Wenn Prof. Dr. Seraphine Wegner könnte, wie sie wollte, dann würde sie künstliches Leben schaffen. Eine synthetische lebendige Zelle: Davon träumt sie, das wäre ihr persönlicher "Big Bang" im Labor. Allerdings hält die Professorin ihre Vision selbst für Science-Fiction. Die Forschung sei meilenweit davon entfernt, auch nur die einfachsten Lebensformen zu kreieren. Von komplexeren Organismen ganz zu schweigen.

Seraphine Wegner forscht auf dem Gebiet der synthetischen Biologie. Die Biochemikerin legt die Betonung auf "Synthese". Wie müssen unterschiedliche, nicht lebendige Moleküle zusammenkommen, damit Leben entsteht? Da die Antwort in weiter Ferne liegt, stehen in ihrer Forschung Etappenziele im Fokus. Die räumliche und zeitliche Strukturierung von Zellen ermöglicht die verschiedenen Funktionen des lebendigen Organismus. Wie funktioniert das im Detail? Um diese Prozesse zu erforschen, baut Seraphine Wegner zellähnliche Kompartimente, also molekulare, geschlossene Räume, in deren Innerem Reaktionen stattfinden oder die mit anderen Kompartimenten interagieren. Diese synthetischen "Zellen" ermöglichen es, Reaktionen zu steuern, zum Beispiel durch Licht. Sie sind gut geeignet, um Prozesse des Lebens zu verstehen. Aber sie leben nicht und können sich nicht vermehren.

Seraphine Wegner bezeichnet sich als "klassischen Nerd". "Mir war schon immer klar, dass ich forschen möchte", blickt sie zurück. Ursprünglich wollte sie Astronomie studieren und das Universum zu ihrem Thema machen. Sie entschied sich schließlich für ein Chemiestudium. Seit 2019 hat die 42-Jährige eine Professur am Institut für Physiologische Chemie und Pathobiochemie des Fachbereichs Medizin an der Universität Münster. Das Innere von Zellen sei wie ein Universum im Kleinen, findet sie - eine Weite im Inneren, zu der es noch viele Rätsel zu lösen gilt. "Das Tolle an meinem Beruf ist, dass jeder Tag spannend ist. Wenn man forscht, darf man täglich mit der Idee seines Lebens rechnen", unterstreicht sie.

Der Vater der gebürtigen Düsseldorferin ist Franzose, ihre Mutter Deutsche. Als Seraphine Wegner sieben Jahre alt war, zog die Familie in die Türkei nach Kappadokien. Nach dem Chemiestudium an der Technischen Universität in Ankara ging sie für die Promotion an die Universität Chicago in den Vereinigten Staaten. 20 Jahre nachdem ihre Familie Deutschland verlassen hatte, kehrte sie für ein Postdoktorat zurück. Zunächst wechselte sie an die Universität Heidelberg und das Max-Planck-Institut (MPI) für intelligente Systeme, später an das MPI für Polymerforschung in Mainz und schließlich nach Münster. In ihrer Karriere erhielt sie bereits einige Auszeichnungen wie einen "ERC Starting Grant", einen "ERC Consolidator Grant" und - jüngst - eine "Momentum"-Förderung der Volkswagen-Stiftung, die ihr Schritte in eine neue Forschungsrichtung ermöglicht. Bei dem Projekt soll es darum gehen, ein Kunststoffmaterial zu entwickeln, in dem eingebettete synthetische Zellen mit Enzymen aktiv werden, wenn der Kunststoff zu Mikroplastik zerfällt. Erst dann sollen die Enzyme den Kunststoff biologisch abbauen.

Seraphine Wegners Großvater väterlicherseits war Biophysiker. "Ich fand es immer spannend, wenn er über seinen Beruf erzählte, über seine Kollegen aus aller Welt und die Kontakte, die er über die Grenzen des Kalten Kriegs hinweg aufrechterhalten hat", sagt sie. Vielleicht ist sie deswegen heute besonders stolz auf ihre eigene Arbeitsgruppe, in der nicht nur Menschen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zusammenarbeiten, sondern auch aus unterschiedlichen Ländern wie China, Indien, Russland, Ägypten und Italien. "Wir kommen als Team wissenschaftlich gut voran. Gleichzeitig ist meine Gruppe mein persönliches Mikro-Völkerverständigungsprojekt."

Mehr Gleichberechtigung ist ein weiteres Ziel von Seraphine Wegner, die zwei Kinder im Alter von acht und fünf Jahren hat. Die Schwierigkeiten, die der Spagat zwischen Familie und Beruf für junge Familien auf der akademischen Laufbahn mit sich bringt, kennt sie aus Erfahrung. "Ich bin Vollzeit-Mutter und Wissenschaftlerin - zwei Rollen, die sich nicht in Teilzeit ausüben lassen. Doch manchmal fehlt die Zeit für beides gleichzeitig, und dann muss ich mich entscheiden." Wenn es um Frauen in der Wissenschaft geht, nehme man nur die positiven Beispiele wahr, die noch im Wissenschaftssystem sind. "Diejenigen, die den Spagat nicht schaffen, werden dagegen unsichtbar. Erst beim Blick in die Statistik wird die niedrige Frauenquote nach dem Postdoktorat deutlich."

Sollte in ihrem oder einem anderen Labor auf der Welt eines Tages der Schritt gelingen, eine lebendige Zelle zu erschaffen, stünde laut Seraphine Wegner die nächste Hürde bevor. "Wenn etwas lebendig ist, ist es nicht selbstverständlich, dass es lebendig bleibt", unterstreicht sie. Ob es gelänge, das mühsam geschaffene Leben dauerhaft zu erhalten, stünde also auf einem anderen Blatt.

Autorin: Christina Hoppenbrock

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.

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