Office of the Federal President of the Republic of Austria

07/22/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/22/2026 04:34

Alexander Van der Bellen eröffnet die 80. Bregenzer Festspiele

Bundespräsident: »Wir gehören zusammen, weil wir alle Österreich sind«.

Exzellenzen,

liebe Festgäste,

es gibt Orte, an denen man das menschliche Potential besonders gut erkennen kann.

Und hier ist so ein Ort.

Vor uns liegt der See. Kein Bühnenbild könnte größer sein. Über uns der Himmel. Und zwischen Wasser, Wetter, Licht und Musik entsteht alljährlich etwas Unglaubliches:

Eine Bühne, mitten im See. Überwältigende Bilder. Musik. Eine große Geschichte.

Die Bregenzer Festspiele zeigen seit acht Jahrzehnten, was möglich wird, wenn Menschen sich nicht mit dem einfach zu Erreichenden zufriedengeben.

Wenn sie nicht aufgeben, wenn sie nicht sagen:

Das ist zu groß. Das ist zu aufwendig. Das kann man doch nicht machen. Sondern wenn sie sagen: Lasst es uns doch versuchen.

Auch die Geschichte Österreichs könnte man so interpretieren. Unsere Heimat hat vieles erlebt. Große Momente, kleinere Erfolge, lichte Augenblicke und sehr dunkle.

Österreich ist ein Land, das sich nach Katastrophen neu erfinden musste.

Ein Land, das gelernt hat - manchmal schmerzhaft, manchmal auch zu spät - dass Freiheit, Frieden und Wohlstand nicht von alleine kommen.

Und doch neigen wir dazu, das manchmal zu vergessen.

Manchmal sehen wir die Errungenschaften, für die wir hart kämpfen mussten, als selbstverständlich an.

Zum Beispiel, dass wir frei sind, zu sagen, was wir denken. Dass wir politisch frei wählen können, wen wir wollen. Dass unsere Gerichte unabhängig entscheiden und wir alle vor dem Gesetz grundsätzlich gleich sind.

Dass wir lieben können, wen wir eben lieben.
Dass wir miteinander streiten können - richtige Meinungsverschiedenheiten haben - und trotzdem miteinander auskommen können. Und beim Feuerwehrfest trotz allem gemeinsam ein Bier trinken können.

Das alles ist unsere Demokratie.

Unsere freie, liberale Demokratie.

Sie hat Österreich zu der Heimat gemacht, die wir so lieben. Und sie hat Europa zu einem einzigartigen Ort gemacht. Einen Ort auf den wir stolz sein können. Europa-patriotisch stolz sein können.

Freie, liberale Demokratie ist keine Veranstaltung, die alle paar Jahre am Wahltag stattfindet. Nein:

Freie, liberale Demokratie ist eine tägliche Übung.

Sie beginnt mit der Bereitschaft, zuzuhören. Sie zeigt sich darin, wie wir über andere sprechen, besonders über jene, die nicht im Raum sind.

Sie wird stark, wenn wir uns nicht von jeder Empörung leiten lassen. Und sie wird schwach, wenn wir vergessen, dass auch der sogenannte politische Gegner ein Mensch ist. Ein Mensch mit einer Geschichte, mit Sorgen, mit Hoffnungen, mit einer Familie, mit Würde.

Freie, liberale Demokratie bedeutet nicht, dass alle einer Meinung sein müssen. Ganz im Gegenteil.

Freie, liberale Demokratie heißt, dass Unterschiede Platz haben, ohne dass daraus Verachtung wird. Dass Mehrheiten entscheiden, ohne Minderheiten zu demütigen. Und dass Kompromisse nicht als Verrat an der Gesinnung gelten, sondern als Zeichen von Reife und Lösungsorientierung. Gerade das ist heute nicht immer gegeben.

Wir leben in einer Zeit, in der die Lautesten leicht Aufmerksamkeit bekommen. In der ein Satz, eine Meldung, ein Post auf Social Media schneller geteilt ist als überprüft. In der die Versuchung groß ist, auf komplexe Fragen mit einfachen Antworten zu reagieren.

Aber die einfachen Antworten sind nicht immer, selten, die richtigen.

Es ist leicht, Wut zu schüren. Schwieriger ist es, Lösungen zu finden.

Es ist leicht, Vertrauen zu zerstören. Schwieriger ist es, Vertrauen aufzubauen.

Es ist leicht, Menschen gegeneinander auszuspielen. Schwieriger ist es, sie zusammenzubringen.

Aber genau das ist die Aufgabe unserer freien, liberalen Demokratie: Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichen Interessen zu einem gemeinsamen Ganzen zu verbinden. Nicht durch Gleichmacherei. Sondern durch ein gemeinsames Verständnis davon, was uns trägt. Und dadurch, immer wieder von Neuem aufeinander zuzugehen.

Und sich selber im Anderen zu erkennen.

Also worum geht's im Kern?

Freiheit. Gleichheit. Geschwisterlichkeit.
Menschenwürde.
Rechtsstaatlichkeit.
Mitmenschlichkeit.
Und Verantwortung.

Das sind keine altmodischen Begriffe aus dem Schulbuch. Das sind die tragenden Fundamente unseres Hauses Österreich. Und dieses Haus muss, wie jedes Haus, gepflegt werden. Nicht nur vom Parlament und der Regierung. Nicht nur von Gerichten, Medien oder Schulen.

Nein: Von uns allen.

Von der Lehrerin, die einem Kind zeigt, dass Fragen erlaubt und die Voraussetzung für Erkenntnis sind.

Vom Polizisten, der seine Macht mit Maß und Recht ausübt, als Dienst an allen Bürgern.

Von der Unternehmerin, die Verantwortung für ihre Beschäftigten übernimmt.

Von der Journalistin, die nicht der schnellsten Schlagzeile nachläuft, sondern beständig nach Wahrheit sucht.

Vom Bürgermeister, der auch dort zuhört, wo es unbequem wird, weil Menschen gehört werden wollen, damit sie dabei sein können.

Von Eltern, die ihren Kindern beibringen, nicht nach unten zu treten und nach oben zu buckeln.

Also von jedem einzelnen Menschen, der, wenn andere verächtlich gemacht werden oder versucht wird, das Niedrigste aus den Menschen herauszuholen, aufsteht und sagt: Ich mach nicht mit.

So beginnt politische Kultur. Und sie beginnt in jedem und jeder von uns. Sie beginnt zwischen uns. Üben wir uns in Respekt. Respekt ist ansteckend.

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der 80. Bregenzer Festspiele (Foto: Peter Lechner/HBF).

Meine Damen und Herren,

jede Opernaufführung erinnert uns an etwas Entscheidendes:

Keine große Geschichte wird von einer einzigen Stimme erzählt.

Wir brauchen das Orchester, den Chor. Die Solistinnen und Solisten. Die Menschen auf der Bühne. Die Menschen hinter der Bühne. Die Technikerinnen, die Werkstätten, die Kostüme, die Masken, das Licht. Und natürlich ein Publikum, das bereit ist hinzusehen, zuzuhören, mitzudenken.

Auch unser Österreich funktioniert so. Es ist kein Soloprojekt. Es ist ein Zusammenspiel. Ein Miteinander.

Und ja: Unser Zusammenspiel benötigt Regeln.

Wir brauchen z.B. Taktgefühl. Wir brauchen die Bereitschaft, manchmal leiser zu werden, damit andere hörbar werden. Wir brauchen den Mut, Verantwortung zu übernehmen, alles zu geben, wenn der Einsatz kommt.

Aber vor allem brauchen wir die Überzeugung, dass es sich lohnt, gemeinsam etwas zu schaffen, was keiner allein schaffen könnte.

Das gilt für Österreich. Und das gilt für Europa.

Die freie, liberale Demokratie verlangt uns etwas ab.

Das kostet uns mitunter etwas. Das ist ihre Stärke, nicht ihre Schwäche. Sie verlangt Geduld, wo wir schnelle Antworten wollen. Sie verlangt Respekt, wo uns Zorn leichter fällt. Sie verlangt Kompromisse, wo wir lieber Recht behalten würden. Sie verlangt Mut, wo es bequemer wäre, wegzusehen.

Aber sie gibt uns dafür etwas zurück:

Die Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten.

Die Sicherheit, dass Macht an rechtsstaatliche Regeln gebunden ist. Die Möglichkeit, Fehler zu korrigieren. Und vor allem die Würde, nicht Untertanen zu sein, sondern Bürgerinnen und Bürger. Mit der Möglichkeit, eine Wahl zu treffen.

Ich wünsche mir ein Österreich, das auf unsere freie, liberale Demokratie nicht nur stolz ist, wenn sie bequem ist.

Sondern ich wünsche mir ein Österreich, das sie verteidigt, wenn es anstrengend wird.

Ein Österreich, das seine Geschichte kennt, ohne in ihr stecken zu bleiben. Ein Österreich, das seine Traditionen lebt, ohne die Zukunft zu fürchten. Ein Österreich, das sich nicht kleinmacht. Und ein Österreich, das niemanden sonst kleinmacht.

Ein Österreich, das sagt: Wir müssen nicht alle gleich sein, um zusammenzugehören. Das ist vielleicht meine wichtigste Botschaft heute:

Wir gehören nicht erst dann zusammen, wenn wir alle gleich denken.

Wir gehören zusammen, weil wir alle Österreich sind.

Ich wünsche den 80. Bregenzer Festspielen einen großartigen, inspirierenden und unvergesslichen Sommer hier in Bregenz.

Vielen Dank!

Eröffnung der 80. Bregenzer Festspiele 22. Juli 2026

Fotos: Peter Lechner/HBF

Bildnutzungsrechte/Copyright

Jede Veränderung eines Fotos, wie eine ausschnittsweise Wiedergabe, eine Verfälschung durch elektronische Hilfsmittel oder ein Einbau in ein weiteres Bild, ist ohne ausdrückliche Genehmigung der Präsidentschaftskanzlei untersagt, ebenso wie Publikationen von Fotos in einem sinnentstellenden Zusammenhang sowie der Weiterverkauf des Bildmaterials an Dritte.

Die Verwendung von Fotos des Bundespräsidenten für Werbung oder Wahlwerbung ist unzulässig.

Von jedem Druckwerk und von jeder Online-Publikation, welche Bildmaterialien des Fotoarchivs der Präsidentschaftskanzlei enthalten, ist entweder ein Belegexemplar oder ein .pdf oder ein Link an Pressebüro des Bundespräsidenten, Ballhausplatz, 1014 Wien oder an [email protected] zu übermitteln.

Gerichtsstand für allfällige Streitigkeiten aus der Nutzung des Fotoarchivs der Präsidentschaftskanzlei ist Wien. (Die Bildnutzungsrechte obliegen österreichischem Recht).

Für weitere Fragen im Zusammenhang mit den Bildnutzungsrechten steht Ihnen das Pressebüro des Bundespräsidenten unter [email protected] gerne zur Verfügung.

Schließen Akzeptieren
  • Artikel teilen:
Office of the Federal President of the Republic of Austria published this content on July 22, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on July 22, 2026 at 10:34 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]