Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

07/21/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/21/2026 06:59

Social media: Wer kann, nutzt es weiter

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Social media: Wer kann, nutzt es weiter

Studie zeigt, wie sehr Jugendliche das Social Media Verbot in Australien umgehen - und warum

Jugendliche: Neue Daten zeigen, was das social media Verbot in Australien bewirkt.

© Westock / Adobe Stock

Jugendliche: Neue Daten zeigen, was das social media Verbot in Australien bewirkt.
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Auf den Punkt gebracht

  • Konformität: Das australische Verbot von bestimmten social media Plattformen entfaltet noch nicht die bezweckte Wirkung - im Gegenteil: Sechs Monate nach Inkrafttreten halten sich nur noch sechs Prozent der 14- bis 15-Jährigen daran, im April waren es 27 Prozent.
  • Erfordernis: Rechtliche Maßnahmen allein reichen kaum, um die Nutzung sozialer Medien bei Jugendlichen nachhaltig zu verändern.
  • Fomo wirkt: Verbote erfordern soziale Verankerung, vor allem bei Führungspersönlichkeiten im eigenen Netzwerk

Australien hat eines der strengsten Social-Media-Gesetze weltweit: Jugendliche unter 16 Jahren dürfen seit Dezember 2025 keine eigenen Konten mehr auf großen Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat besitzen. Doch neueste Befragungen zeigen: Sie halten sich noch weniger daran als noch vor zwei Monaten.

In einer der ersten Studien zum Nutzungsverhalten in Australien konnte Volkswirt Christopher Roth vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik mit einem internationalen Forschungsteam nachweisen, wie wenig der Bann der sozialen Medien auf Jugendliche wirkt - und sogar wissentlich und willentlich umgangen wird. Gerade mal 27 Prozent der Befragten zwischen 14 und 15 hielten sich vier Monate nach Inkrafttreten an das Verbot. Das zeigten Befragungen von rund 970 Teenagern zwischen 13 und 18 Jahren im März und April 2026. Damit nutzten knapp drei Viertel der Teenager die Plattformen trotz Verbot weiter - Tendenz steigend.

Aktuelle Zahlen zeigen: Verbot wirkt noch nicht

Im Juni 2026 wiederholte Christopher Roth mit Filip Milojević die Befragung - unter 792 Jugendlichen, von denen 423 bereits im April teilgenommen hatten. In ihrem aktualisierten Working-Paper stellen die Forscher fest, dass sich im Juni weitaus weniger Befragte an das Verbot hielten als noch im April. Diese sogenannte Befolgungsquote (compliance rate) lag zuletzt nur noch bei 6 Prozent. "Sechs Monate nach Inkrafttreten der Regelungen zeigt sich, dass das Gesetz noch nicht ausreichend Wirkung erzielt: Die Nutzung ist sogar gestiegen", sagt Roth. Unter den 14- bis 15-Jährigen kletterte der Anteil derer, die in den vergangenen sieben Tagen eine verbotene Plattform genutzt haben, von 64 Prozent im April auf 92 Prozent im Juni. An einer anderen Stichprobe liegt das nicht: Auch bei den 93 Jugendlichen, die in beiden Wellen befragt wurden, brach die Quote ein.

Familie und Technik helfen beim Regelbruch

Das Forscherteam konnte belegen, dass das Verbot aktiv mit Hilfe anderer umgangen wird. Roth: "Bisher reicht ein falsches Geburtsdatum, eine Verbindung via VPN außerhalb Australiens und das Mitnutzen eines Geschwister- oder sogar Elternkontos, um das Gesetz zu unterlaufen." Drei von vier Jugendlichen (75 Prozent) halten es für einfach oder sehr einfach, das Verbot zu umgehen; bei 60 Prozent der 14- bis 15-Jährigen wurde bislang überhaupt kein Konto gelöscht. Und gut jeder Fünfte (22 Prozent) derjenigen, die die Plattformen weiter nutzen, berichtet, dass Eltern, ältere Geschwister oder andere Erwachsene geholfen haben, nach der Deaktivierung wieder ein Konto einzurichten.

FOMO stärker als Gesundheitsinteresse

Die Forschenden können zudem zeigen, dass altersbezogene Verbote zwar den Zugang zu Plattformen erschweren können, ihre Wirkung aber stark von sozialen Faktoren abhängt. Entscheidend ist unter anderem, ob Freundinnen, Freunde und Klassenkameraden weiterhin auf der Plattform bleiben. "Die Coolen bleiben", kommentiert Roth die aktuellen Zahlen. Dahinter steckt ein Phänomen, das man Gruppendruck oder aber in Jugendsprache auch FOMO nennen kann: Die Angst etwas zu verpassen - auf Englisch "fear of missing out" - ist groß. "Wer Insta, Tiktok und Co. verlässt, obwohl die Freunde noch dabei sind, zahlt den Preis der Teilhabe", erklärt Roth. Das Verhalten der Freunde sei entscheidend.

Die Forschenden fragten außerdem, ab welcher Aussteiger-Quote Nutzende selbst aussteigen würden. Die Antworten liegen im Mittel bei rund zwei Dritteln (66 Prozent). "Dieser Wert wird noch nicht erreicht - auch nicht bei unserer zweiten Umfrage." Im Gegenteil: Von den Aussteigern gaben 44 Prozent an, wieder zurückzukehren, wenn nur ein Drittel der Gleichaltrigen mitzieht. Genau das ist eingetreten: In der Juni-Befragung berichtet die Hälfte der Jugendlichen, mindestens eine verbotene Plattform zunächst verlassen zu haben - und wieder zurückgekehrt zu sein, als sie merkten, dass die meisten anderen weitermachten. 63 Prozent sagen zudem, dass inzwischen mehr Freundinnen und Freunde soziale Medien nutzen als noch einen Monat zuvor. Grund: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Aussteiger an das Verbot hielten, weil sie annahmen, dass genug andere mitziehen - nicht weil sie das Verbot überzeugend fanden." Die Jugendlichen hatten dabei ein klares Bild davon, wie viele sich wirklich an das Verbot hielten und schätzten die Quote auf 30 Prozent - beobachtet wurden tatsächlich 27 Prozent. Die Jugendlichen wissen offenbar, dass die meisten unter ihnen weiterhin durch die Plattformen scrollen.

Regeltreue gilt als uncool

Ein weiterer sozialer Faktor ist das eigene Ansehen. Auf die Frage, ob Aussteiger beliebt oder weniger beliebt erachtet werden, antworten die Befragten eindeutig: Nur vier Prozent halten Aussteiger für beliebter, 45 Prozent halten sie für weniger beliebt - für die übrigen 51 Prozent macht es keinen Unterschied. Dazu passt, dass Jugendliche, die weiter nutzen, im Schnitt rund anderthalbmal so viele Instagram-Follower haben wie die Aussteiger (366 gegenüber 201).

"Wer sich an die Regeln hält, gewinnt damit kein Ansehen", erklärt Roth. Einflussreiche Jugendliche prägen dabei das Verhalten der anderen. "Solange der Ausstieg nicht sozial belohnt wird und im eigenen Netzwerk selbstverständlich wird, fehlt dem Gesetz die soziale Rückendeckung", sagt Roth und verweist auf die Einführung der Tabakregulierung. So haben in 1980er- und 1990er-Jahren sozial gut vernetzte Gruppen in den USA und in Großbritannien mit dem Rauchen aufgehört. Wer weiterrauchte, geriet an den Rand der eigenen Gruppe. "Das soziale Signal folgte der Regulierung durch den Staat - in Australien lässt sich das nicht beobachten."

Zum Team der Forschenden gehören die Ökonomen Leonardo Bursztyn, Aaron Leonard und Filip Milojević (alle University of Chicago) sowie Rafael Jiménez-Durán (Bocconi-Universität in Mailand), die Psychologin Angela Duckworth (University of Pennsylvania) und der Rechtswissenschaftler Cass Sunstein (Harvard Law School).

Schlussfolgerungen für die deutsche und europäische Debatte

Auch in Deutschland und innerhalb der EU wird eine Altersgrenze für den Zugang zu social media Plattformen debattiert. Die Jugendlichen selbst bevorzugen mildere Instrumente: 72 Prozent würden lieber eine App nutzen, die die eigene Social-Media-Zeit begrenzt, als sich einem Verbot zu fügen.

Die Ökonomen Matthias Sutter, Christopher Roth und Filip Milojević stellten in einem Gastbeitrag in der FAZ klar, was ein wirksamer Schutz für Jugendliche erfordert.

  • Technischen Schutz sicherstellen: Verlässliche Anmeldeverfahren ohne Umgehungsmöglichkeiten und regelmäßige Prüfungen ist Aufgabe der Betreiber. Bleiben Schlupflöcher, werden sie weiterhin genutzt.
  • In Jahrgangsstufen denken. In Australien lernen vielfach 14- bis 16-Jährige in einer Klasse, der Grenze nach Geburtsjahrgang geht an der Lebensrealität der Betroffenen vorbei und führt zur Nonkonformität.
  • Vorbilder schaffen. Ein Verbot braucht gelebte Realität durch Aufklärung, sichtbare Vorbilder und eine Debatte, die die frühe Nutzung sozialer Medien weniger selbstverständlich werden lässt. Rauchverbot wirkte erst mit medizinischer Evidenz über die Folgen des Tabakkonsums, öffentliche Kampagnen und veränderte soziale Normen über Jahrzehnte.
  • Alternativen bieten. Social media ist für viele identitätsstiftend und ein Netzwerk im digitalen Raum- zudem ein Zeitvertreib zwischen Schule, Hausaufgaben und Schlafenszeit. Ohne Alternativen durch Sport, Musik, Jugendzentren, Freizeitangebote wird der Feed interessanter bleiben. Familien und Bildungseinrichtungen sind gefordert.
  • Vorteile für jüngere Kinder. Für aktuelle Teenager kommt das Verbot zu spät. Gelingt aber eine kontinuierliche und glaubwürdige Durchsetzung des Gesetzes, können jüngere Kinder in eine Welt hineinwachsen, in der das eigene Konto unter 16 nicht selbstverständlich ist.

"Wer die Mediennutzung Jugendlicher verändern will, muss die Jugendlichen selbst überzeugen - und die Tonangebenden in ihren Freundesgruppen", sagt Christopher Roth.

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