03/28/2026 | Press release | Distributed by Public on 03/28/2026 03:18
Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki schrieb für Cicero Online folgende Kolumne:
Ich bin Liberaler. Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt - nicht als Teil einer Gruppe, nicht als Objekt gesellschaftlicher Zuschreibungen, sondern als freies Individuum mit unveräußerlicher Würde. Jeder Mensch hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Wen er liebt, woher er kommt oder wie er lebt, ist dabei unerheblich. Entscheidend ist allein, ob er diese Freiheit und Würde auch seinen Mitmenschen zugesteht.
Wer den Menschen ernst nimmt, kann gar nicht anders, als individualistisch zu denken. Liberalismus ist keine Ideologie der Gleichmacherei, sondern der Unterschiedlichkeit. Er schützt vor moralischem Größenwahn und misstraut allen, die meinen, ihre Weltbilder anderen aufzwingen zu dürfen - ob von konservativer oder sozialistischer Seite. Moral gehört ins Private, nicht ins Recht. Der liberale Staat urteilt nicht über Lebensentwürfe.
So kommentierte der liberale Politiker Ralf Dahrendorf 1968 die tobende Debatte um die Entkriminalisierung der Homosexualität, indem er darauf hinwies, dass "die Intoleranz gegenüber dem Anderen, also die durchgängige Orientierung an einer sogenannten Normalfigur, eines der traurigsten Kapitel der deutschen Geschichte" darstelle.
Diese liberale Haltung wurde in den zurückliegenden Jahren immer mehr als Einfallstor dezidiert illiberaler Ideologien in (teil-)liberale Milieus genutzt. Ein Beispiel sind hier sicherlich die Grünen. Sie hatten in der Vergangenheit eine nennenswerte Bürgerrechtsströmung - ein Feld, in dem sie am ehesten natürliche Allianzen mit der FDP verband. Damit ist es spätestens seit Corona vorbei, als die Grünen sich - quasi der Zero-Covid-Ideologie in ihren unterschiedlichen Spielarten unterwerfend - zur Speerspitze der Bewegung für einen überwachenden und drangsalierenden Staat machten. Und das mit hohem moralischem Sendungsbewusstsein. Ihr Bürgerrechtsflügel ist spätestens seither mausetot.
Die illiberale Denkschule, die ihre Unterwanderungsbestrebungen bisher am erfolgreichsten umsetzen konnte, ist sicherlich die sogenannte Queer-Theorie. Ihr Erfolg beruht nicht auf intellektueller Stärke, sondern auf Anschlussfähigkeit und Unschärfe. Sie gilt manchen als liberal, ist es aber nicht. Im Gegenteil: Sie stellt die Grundannahmen des Liberalismus infrage.
Ihre zentrale Botschaft lautet: Der Mensch ist nicht frei, sondern Produkt seiner Umstände. Verantwortung wird relativiert, Individualität dekonstruiert. Das ist kein Fortschritt - das ist ein Rückschritt hinter die Errungenschaften der Aufklärung. Dass ausgerechnet Judith Butler als eine ihrer wichtigsten Stimmen den Liberalismus offen ablehnt, ist kein Zufall. Wer Freiheit für eine Illusion hält, kann mit Liberalismus nichts anfangen.
Die Unmenschlichkeit ihres Denkens zeigt Butler selbst auf, indem sie nach dem feigen und brutalen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ausführte, man dürfe das Ganze nicht "Terrorangriff" oder "Angriff" nennen. Vielmehr handle es sich um einen Akt "bewaffneten Widerstands", da man den 7. Oktober nicht losgelöst von der palästinensischen Unterdrückung betrachten könne. So viel kühle Menschenverachtung muss man erst einmal aufbringen.
Aber Butlers eigentliches Thema in der Queer-Theorie dreht sich um Geschlechter- und Sexualfragen. Auch hier sei alles nur konstruiert. Die Schuld an der "Unterdrückung marginalisierter Gruppen" wird auch hier zu gerne dem liberalen Staats- und Wirtschaftswesen in die Schuhe geschoben. Echte Befreiung - so die radikalen Vertreter - bestehe nur durch Überwindung dieser Strukturen und damit der "Heteronormativität". Das klingt alles sehr revolutionär und erinnert nicht zufällig an Klassenkampfrhetorik, denn es ist eine dezidiert linke Weltanschauung. Es geht also nicht um das Ringen um den besten Weg im bestehenden System, sondern um dessen Überwindung.
Das mussten auch die Veranstalter des Christopher Street Day in Berlin erfahren. Sie wollten Butler einen Toleranzpreis überreichen. Aber nachdem Renate Künast ihr Idol mit salbungsvollen Worten in ihrer Laudatio bedachte, lehnte Butler den Preis ab. Der CSD in Berlin sei zu rassistisch, man beziehe die migrantische Perspektive nicht genug ein. Das hat angesichts der Absurdität des Vorwurfs etwas Komisches und ist gleichzeitig tragisch: Spätestens da hätte man sich von dieser Theorie und ihrer prominentesten Vertreterin lossagen müssen.
Das Gegenteil ist passiert. Butler gilt vielen - leider nicht zu Unrecht - als eine der einflussreichsten Philosophinnen unserer Zeit. Es ist eine Ideologie, die die Institutionen, die sie bekämpft, gekapert hat. In Köln gibt es sogar einen Masterstudiengang in "Gender und Queer Studies". Die Neudefinition und Umgestaltung der Sprache, die erklärtes Ziel der Queer-Theorie ist, greift allenthalben um sich. Und dabei kann niemand schlüssig erklären, was "queer" überhaupt ist. Denn die ständige Neuinterpretation und Öffnung des Begriffs ist ebenso erklärtes Mittel dieser Theorie. Es ist ein Spiel, bei dem ständig die Spielregeln neu erfunden werden - mit fatalen Folgen für die Gruppen, die sich eigentlich angesprochen fühlen sollen.
Man nehme nur als Beispiel die Gruppe der Intersexuellen. Bei ihnen geht es nicht um innere Verfasstheit, sondern um die Tatsache, dass sie keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale entwickeln. Über Jahrzehnte wurden diese Menschen - oft schon unmittelbar nach der Geburt - mit kosmetischen Operationen traktiert, wobei "verstümmelt" es eher trifft. Diese Operationen ohne Einverständnis der Betroffenen sind erst seit 2021 verboten. Der Klage einer intersexuellen Person ist es zu verdanken, dass das Personenstandsrecht um die dritte Kategorie "divers" erweitert wurde. Das hat rein gar nichts mit Homo- oder Transsexualität zu tun, aber fragen Sie einmal in Ihrem Bekanntenkreis, wer darum weiß. Vielmehr besteht der Eindruck in der Bevölkerung, es gehe bei den seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts mit dem Zusatz "m/w/d" um Homo- oder Transsexuelle. Das verstärkt und befeuert Vorurteile - und zwar gegen alle Gruppen. So etwas kommt davon, wenn man klar benennbare Sachverhalte aus vermeintlicher Toleranz nicht mehr klar benennt. Nicht nur das Individuum verschwimmt in der undefinierbaren Soße, sondern auch die Einzelgruppen. Das ist kein Kollateralschaden der Queer-Theorie, sondern ihr Ziel.
Auch das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz muss man als "Erfolg" der Queer-Theorie verstehen, denn es entkoppelt die Frage der Geschlechtlichkeit - ganz im Geiste dieser Theorie - vollständig von objektiven Tatsachen (die sowohl innerer als auch äußerer Natur sein können). Mit der aberwitzigen Folge, dass in unserem Personenstandswesen die Kategorie "Geschlecht" keinerlei Aussagekraft mehr besitzt, da sie durch einfache Erklärung vor dem Standesamt jederzeit geändert werden kann. Es fehlt die tatsächliche Anknüpfung an jede Ernsthaftigkeit des Entschlusses. Dass man auch Jugendliche in den Anwendungsbereich einbezogen hat, halte ich zudem weiterhin für einen schweren Fehler.
Schlimm ist auch, dass durch die Erfolge der Queer-Theorie eine ebenso illiberale Gegenbewegung Zulauf bekommen hat. Unter dem Deckmantel des Kinderschutzes entwickelt sich eine ebenso menschen- wie freiheitsfeindliche Radikalität, die in jedem Anderssein nur noch Gefahren sieht. Zwischen diesen beiden Polen ist die liberale Weltsicht der eigentliche Verlierer, obwohl sie mit gesundem Menschenverstand und Menschlichkeit die überzeugendsten Antworten geben könnte.
Dafür muss sie sich aber von allen Versuchen der Vereinnahmung befreien. Sie muss ein Stoppschild setzen bei Sprach- und Denkverboten, die aus dem linken, queer-ideologischen Spektrum kommen. Liberale müssen Dinge beim Namen nennen - und wenn sie dafür beschimpft werden, müssen sie es umso lauter tun. Und der Liberalismus muss Antworten auf gesellschaftspolitische Fragen wieder aus sich selbst heraus entwickeln und sich nicht von außen, weder von links noch von rechts, diktieren lassen. Es geht um einen politischen Ansatz, der für den Menschen als Individuum kämpft - nicht als Teil einer von außen definierten Gruppe.