Ministry for Economic Cooperation and Development of the Federal Republic of Germany

03/06/2026 | Press release | Distributed by Public on 03/06/2026 06:45

Keynote der Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS)

5. März 2026 Keynoteder Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS)

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, hier in der BAKS, in diesem historischen Saal, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. An dem Ort, der in der deutschen Sicherheitspolitik wie kein zweiter für ressortübergreifende Debatten und strategisches Denken steht.

In der aktuellen Weltlage, die sich mit rasanter Geschwindigkeit verändert, ist es wichtiger denn, dass wir in diese Diskussion, in die gemeinsame Debatte und ins strategische Denken kommen.

Die aktuelle Eskalation im Nahen Osten rund um den Iran führt uns das gerade in diesen Stunden und Tagen dramatisch vor Augen.

Das geschieht in einer Zeit, in der die geopolitische Weltordnung im Umbruch ist.

Die regelbasierte Ordnung und der freie Handel werden mehr und mehr in Frage gestellt. Alte Allianzen werden fragiler, neue Machtzentren entstehen.

Die Länder des Globalen Südens treten selbstbewusst auf, mit einem starken eigenen Gestaltungsanspruch.

Angebote westlicher Partner sind nicht mehr der selbstverständliche Referenzpunkt. Sie sind eine Option unter vielen Optionen. Und es gibt kein Entweder-Oder.

In dieser sich neu ordnenden Welt werden Verlässlichkeit und Vertrauen zu einer harten Währung.

Und genau hier liegt die große Stärke deutscher Entwicklungspolitik.

In über sechzig Jahren haben wir weltweit Vertrauen aufgebaut. Unsere Partnerinnen und Partner erleben Deutschland als berechenbar, als pragmatisch, als verlässlich.

Das mag manchmal etwas langweilig klingen, aber gerade in dieser Zeit sind diese Attribute so wichtig.

Dieses Vertrauen schafft Einfluss und Gestaltungsspielraum. Gerade in Zeiten globaler Umbrüche ist dieses Vertrauen eine der wertvollsten Ressourcen, über die Deutschland verfügt.

Die Bedeutung von Entwicklungspolitik wurde - und wird immer noch - oft übersehen. In außenpolitischen Debatten wurde Entwicklungspolitik lange, wenn überhaupt, als "soft power" unterschätzt. Als moralisches Beiwerk zur harten Sicherheitspolitik.

Diese Sicht ist längst überholt.

Langfristige Stabilisierung, Resilienz, Prävention - dazu braucht es Entwicklungspolitik. Sie ist Sicherheitspolitik. Sie ist Friedenspolitik.

Diese Perspektive habe ich auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz eingebracht.

Dort wurde intensiv, gerade in diesem Jahr, über Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit und geopolitische Rivalitäten gesprochen.

Und gleichzeitig wurde in meinen vielen Gesprächen mit internationalen Partnern deutlich: Militärische Stärke allein schafft keine nachhaltige Sicherheit. Keine langfristige Stabilität.

Dafür braucht es die "Three Ds" der Sicherheitspolitik: Den Dreiklang aus defense, diplomacyund development.

Wie wichtig entwicklungspolitisches Engagement für langfristige Lösungen ist, das lässt sich zum Beispiel gut am Irak sehen.

Nach der Gewaltherrschaft des sogenannten "Islamischen Staates" stand das Land vor gewaltigen Herausforderungen. Die Verbrechen des IS in Städten wie Mossul und der Völkermord an den Êzîdinnen und Êzîden - sie haben tiefe Wunden hinterlassen. Es ist nicht lange her, 2014. Zerstörte Infrastruktur, eine traumatisierte Gesellschaft, Millionen Binnenvertriebene und fragile staatliche Strukturen haben die die Lage geprägt.

Gemeinsam mit internationalen Partnerinnen und Partnern wie den Vereinten Nationen und im Rahmen der Anti-IS-Koalition hat Deutschland humanitäre Hilfe geleistet. Und mit intensiven diplomatischen Bemühungen den politischen Dialog zwischen Bagdad und Erbil gestärkt.

Gleichzeitig haben wir durch die Entwicklungspolitik den Wiederaufbau von Schulen, Krankenhäusern und kommunaler Verwaltung vorangebracht. Wir haben, zusammen mit dem Auswärtigen Amt, die Einbindung der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen in politische Entscheidungsprozesse gefördert.

Wir haben Menschen bei der Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrungen unterstützt. Und wir haben zusammen mit unseren irakischen Partnerinnen und Partnern wirtschaftliche Perspektiven für die Menschen geschaffen.

Diese Erfolge waren auch deshalb möglich, weil deutsche Soldatinnen und Soldaten vor Ort waren und sind. Und gerade in diesen Tagen blicken wir natürlich ganz besonders auf die Sicherheitslage unserer deutschen Soldatinnen und Soldaten vor Ort. Wie gefährlich ihre Arbeit dort ist, das zeigt sich aktuell auf den Militärbasen im Irak.

Die deutschen Soldatinnen und Soldaten haben irakische Sicherheitskräfte ausgebildet und professionalisiert, im Rahmen internationaler Missionen. Damit wurde der nötige Schutzraum für diplomatische und entwicklungspolitische Instrumente geschaffen. Also genau die zivilen Instrumente, die die militärischen Erfolge langfristig absichern.

Dass der IS nicht erneut territoriale Kontrolle gewinnen konnte und sich das Land Schritt für Schritt stabilisiert hat, ist auch ein Ergebnis dieses integrierten Ansatzes.

Diese Erfolge im Irak dürfen in der aktuellen Eskalation in der Region nicht gefährdet werden.

Damit Stabilisierung nachhaltig gelingt, müssen militärische Sicherheit, politische Verständigung und wirtschaftliche Perspektiven zusammengedacht werden.

Das hat uns auch Afghanistan gezeigt. Wir haben daraus entscheidende Lehren gezogen, gerade auch mit Blick auf die Verzahnung von militärischem und zivilem Engagement. Und wir haben natürlich auch Lehren gezogen aus den Dingen, die eben nicht gut gelaufen sind. Wir verbessern jetzt unsere Koordination. Wir binden lokales Wissen mehr ein, und werden stärker in gemeinsamen Szenarien arbeiten. So können wir dynamischer umsteuern, unsere Instrumente flexibler nutzen.

Damit der Dreiklang aus defense, diplomacyund developmentauch wirklich funktioniert.

Wie wichtig das ist, wird auch in der Ukraine sehr deutlich: Deutschland unterstützt die Ukraine entwicklungspolitisch dabei, Krankenhäuser funktionsfähig zu halten, Wasser- und Stromnetze zu reparieren und Binnenvertriebenen Perspektiven in ihrem Land zu geben.

So bleibt der ukrainische Staat trotz dieser schwierigen Situation handlungsfähig. So wird die Widerstandskraft der Menschen gestärkt. So werden Infrastruktur und Wirtschaft am Laufen gehalten.

Das ist zentral, damit die Ukraine im Krieg besteht.

Und es ist zentral, um Perspektiven für einen gerechten Frieden zu schaffen - im Zusammenspiel mit intensiver Diplomatie und militärischer Unterstützung.

Im Irak und in der Ukraine sehen wir: Entwicklungszusammenarbeit ist kein moralischer Luxus. Sie ist strategischer Kernbestandteil unserer Sicherheitsarchitektur.

Denn Sicherheit beginnt dort, wo Staaten funktionieren. Wo Regierungen liefern. Wo Kinder zur Schule gehen können. Wo Menschen eine Perspektive haben, für die es sich lohnt zu bleiben. Wo junge Menschen eine Zukunft haben und ihr Land aufbauen können.

Entsprechend denkt auch die Nationale Sicherheitsstrategie die "three Ds" zusammen.

Denn die Logik eines engen Sicherheitsbegriffs können wir uns in der neuen Weltordnung nicht länger leisten.

Um in dieser neuen Zeit handlungsfähig zu bleiben, richten wir die deutsche Entwicklungspolitik neu aus. Und machen sie strategischer, fokussierter und partnerschaftlicher.

Lassen Sie mich kurz auf diese drei Punkte eingehen:

Strategischer heißt: Wir differenzieren klarer. Mit aufstrebenden Volkswirtschaften arbeiten wir also anders zusammen als mit den least developed countries.

Wir analysieren für jedes Partnerland gemeinsame Interessen und politische Ziele und leiten daraus unsere Zusammenarbeit ab.

Diese Zusammenarbeit mit dem Globalen Süden - und das hat der Bundeskanzler auch auf der MSC klar gemacht - ist für Deutschland unverzichtbar. Für unsere Sicherheit und unsere Wirtschaftskraft.

Und sie ist unverzichtbar, um uns in der veränderten Weltordnung stark zu positionieren.

Sie verleiht uns Zugänge und Einfluss. Sie verleiht unserer Stimme geopolitisches Gewicht.

Zum zweiten Punkt: Fokussierter heißt:

Wir schärfen unseren regionalen Fokus.

Zum Beispiel konzentrieren wir uns, wenn es um Stabilität und Flucht geht, auf unsere europäische Nachbarschaft, den Nahen Osten und Nordafrika, das Horn von Afrika und den Sahel. Kurz: Auf die Regionen, die zentral sind - auch für unsere Sicherheit.

Und auch thematisch fokussieren wir, unter anderem auf eine noch stärkere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und den Schutz globaler öffentlicher Güter, vor allem mit den Staaten Südamerikas und Asiens.

Und schließlich drittens - partnerschaftlicher heißt: Wir setzen auf Zusammenarbeit im gegenseitigen Interesse.

Unsere Partner im Globalen Süden wollen Mitgestaltung. Sie wollen Beziehungen, die nicht auf Abhängigkeiten beruhen, sondern auf gegenseitigem Nutzen und Vertrauen.

Deshalb benennen wir auch noch klarer unsere eigenen Interessen klarer. Nach meiner festen Überzeugung ist diese Offenheit über eigene Interessen auch ein Zeichen von Respekt und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Sie ist Voraussetzung für belastbare Partnerschaften. Und Deutschland braucht gerade in diesen Zeiten stabile Partner, braucht verlässliche Märkte, braucht strategische Allianzen für eine regelbasierte Ordnung.

Meine Damen und Herren,

wenn wir mit einer starken deutschen Entwicklungspolitik in diese Partnerschaften investieren, investieren wir immer auch in die Sicherheit Deutschlands und Europas.

Denn nachhaltige Sicherheit entsteht nur, wenn Entwicklungspolitik, Diplomatie und Verteidigung Hand in Hand gehen.

Ich freue mich darüber, jetzt mit Ihnen genau zu diesen Fragen in den Austausch zu kommen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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