German Federal Government

07/25/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/25/2026 13:06

Rede von Bundeskanzler Merz anlässlich des 150. Jubiläums der Bayreuther Festspiele am 25. Juli 2026 in Bayreuth

Liebe Katharina Wagner,
liebe Nike Wagner,
sehr geehrter Ministerpräsident, lieber Markus Söder,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Andreas Zippel,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

"Was ich [Richard Wagner] als Genießender und Lernender verdanke, kann ich nie vergessen, nie die Stunden tiefen, einsamen Glückes inmitten der Theatermenge, Stunden voll von Schauern und Wonnen der Nerven und des Intellekts, von Einblicken in rührende und große Bedeutsamkeiten, wie eben nur diese Kunst sie gewährt."

Meine Damen und Herren, so bekannte es Thomas Mann im Februar 1933, nur zehn Tage nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Er bekannte es in seinem großen Vortrag zum 50. Todestag Richard Wagners im Audimax der Münchner Universität. Diese Hingabe geschah jedoch - auch das gab er hier schon zu Protokoll - nicht ohne Misstrauen.

Sieben Jahre später, 1940 in den USA, zur Flucht gezwungen aus seinem Vaterland, sprach Thomas Mann sie offen aus, die "verzwickten und peinlichen Verhältnisse, die Beziehungen, welche unbestreitbar zwischen der Wagner'schen Sphäre und dem national-sozialistischen Unheil bestehen".

Meine Damen und Herren, Richard Wagners Person und Werk stehen beispielhaft für Größe und Abgründigkeit der deutschen Verhältnisse in Kunst und Geschichte. Sie stehen für die sehr deutsche Kombination von höchst Bewunderungswürdigem und höchst Fragwürdigem in unserer Vergangenheit. Nun ist Geschichte immer ambivalent, aber besonders unsere Geschichte ist es. Und ganz und gar nicht ohne Misstrauen begegnen wir ihr nach den Erfahrungen und Verbrechen dieses deutschen 20. Jahrhunderts.

Es ist gut, dass wir zu Beginn der 150. Bayreuther Festspiele sagen können: Diesen Beziehungen, die unbestreitbar zwischen der Wagner'schen Sphäre und dem nationalsozialistischen Unrechtsregime bestanden, haben sich die Festspiele und ihre Verantwortlichen in den verschiedensten Formaten und Formen, auch in den Werkinszenierungen selbst, seit Jahren gestellt - spät, aber es ist geschehen und es geschieht. Die Gedenkveranstaltung mit der Rede von Michel Friedman findet morgen statt. Wir sind dankbar, dass die zwischenzeitlich entstandenen Irritationen in dieser Sache ausgeräumt sind. Die Bayreuther Festspiele sind damit selbst ein Beispiel für die Bereitschaft unseres Landes geworden, sich der eigenen Vergangenheit ernsthaft zu stellen und dauerhafte Schlussfolgerungen aus ihr zu ziehen. Auch das darf heute Teil unseres nationalen Bewusstseins sein.

Beschäftigen wir uns mit Richard Wagner, dann beschäftigen wir uns mit unserem problematischen Selbst, aber auch mit unserem vielfältigen Selbst in der Geschichte. Die mittelalterlichen Stoffe der deutschen Dichtung hat er für uns aufbewahrt, in seiner ganz eigenen, persönlich-politischen Durchformung. In seinem Werk, einem Werk zugleich der Musik und der Dichtung, aus dem deutschen 19. Jahrhundert heraus, ist eine Fülle von Einflüssen und Anregungen Kunst geworden. Eine ganz eigene, eben Wagner'sche Mischung von christlicher Romantik und sozialistischer Revolution, von Ideen einer klassenlosen und vom Fluch des Geldes - so sah er es jedenfalls - befreiten, auf Liebe gegründeten Gesellschaft.

Wir haben, wenn wir uns mit Wagner beschäftigen, also die Chance, in einem Werk sehr vieles von uns selbst durch die Jahrhunderte vor Augen und Ohren zu haben. Wir haben diese Chance gerade hier in Bayreuth, wo es seit Langem der Ehrgeiz ist, dieses Werk für ein immer neues Heute immer neu einzurichten und für uns fruchtbar zu machen - durch deutsche wie durch weltweit gefeierte Künstler und Regisseure, und auch für ein nachwachsendes Publikum durch das Education-Programm oder durch eine Einrichtung wie die jährliche Kinderoper oder die Gruppe der Jungen Freunde von Bayreuth. Herzlichen Dank für dieses Engagement an die Bayreuther Festspiele!

Meine Damen und Herren, exemplarisch für diese Vielfalt und für diese vielen Künstlerinnen und Künstler darf ich vielleicht die Inszenierung der Meistersinger von Barrie Kosky im Jahr 2017 nennen. Kosky hat selbst damals seine Gefühle geschildert, als Katharina Wagner ihn dazu einlud:

"[…] ich bin fertig mit dem Mann. Und dann soll ich als australischer Jude in Bayreuth das problematischste aller Wagner-Stücke machen - nein!"

Doch. - Er hat es großartig getan und hat vorgeführt, dass das Werk vom Antisemitismus seines Schöpfers nicht zu trennen ist und dass wir uns dieser Kunst doch aussetzen dürfen und sollen. Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung. Eher wieder mit Thomas Mann: Genießen, aber "nicht ohne Misstrauen".

Meine Damen und Herren, wir können uns Jahr für Jahr hier in Bayreuth versammeln. Auch diese Festspiele sind doch eines der vielen - darf ich das so sagen? - nationalen Lagerfeuer, die wir heute manchmal vermissen, aber die wir doch noch haben, über das Land und über das Jahr verteilt. Ich zähle in dieser Gattung nur auf: das Bachfest in Leipzig, die Händel-Festspiele in Halle, Göttingen und Karlsruhe, das Bonner Beethovenfest, das Rheingau Musik Festival, das Schleswig-Holstein Musik Festival, die Tage Alter Musik in Regensburg und in Herne - und damit habe ich noch lange nicht alle genannt.

Nutzen wir sie, unsere auch in dieser Hinsicht weltweit einzigartige Kulturlandschaft. Gehen wir hin - gehen wir vielleicht sogar öfter hin. Wir können uns an so vielen Orten in unserem Land um die Kunst versammeln. Es bleibt ja auch wahr - auch wenn diese Feststellung heute vielleicht ihre Selbstgefälligkeit verloren hat -: Wir waren eine Kulturnation, lange bevor wir eine politische Nation wurden. Man spürt das bis heute in unseren Opernhäusern, in unseren Theatern, in unseren Museen. Und man spürt es auch an der Ernsthaftigkeit, mit der wir uns diesen Dingen zuwenden.

Richard Wagner sah in der Kunst ein Heilmittel gegen die Schäden der Gesellschaft, so wie er sie wahrnahm. Wir nehmen heute etwas Abstand von diesem vielleicht religiösen Verständnis. Aber in diesen Momenten des Kunstgenusses und des Staunens vor Werken wie diesen, die Jahrhunderte überdauern, fühlen wir doch auch, dass wir aufgerufen sind, zu gestalten, Dinge in die Welt zu setzen, nicht den bequemsten Weg zu gehen, uns auseinanderzusetzen. Hörend und sehend haben wir neue Gedanken und starke Gefühle, die uns wiederum zu denken geben. Und wir fühlen: Wenn dies möglich ist, dann muss eigentlich auch das meiste andere in unserem Land gut leistbar sein.

"Freudig begrüßen wir die edle Halle", so werden wir es gleich im zweiten Akt des Tannhäusers hören. Ich sage: Freudig beglückwünschen wir die Bayreuther Festspiele zu ihrem 150. Jubiläum. Herzlichen Dank.

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