10/19/2026 | Press release | Distributed by Public on 10/19/2026 02:22
Berlin, 19. Oktober 2026 - Ob Chips, KI-Anwendungen, Cloud-Dienste oder Software: Die große Mehrheit der deutschen Unternehmen (96 Prozent) importiert digitale Technologien und Services aus dem Ausland. Doch was wäre, wenn diese plötzlich nicht mehr verfügbar wären? Wie lange könnten Deutschlands Unternehmen einen solchen Ausfall verkraften? Im Durchschnitt wären es 16 Monate. Das zeigt eine repräsentative Befragung des Digitalverbands Bitkom unter 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, die anlässlich des Digital-Gipfels der Bundesregierung durchgeführt wurde. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Widerstandsfähigkeit damit jedoch leicht verbessert: 2025 lag der Wert noch bei 14 Monaten.
Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit groß: 94 Prozent der Unternehmen stufen Deutschland bei digitalen Technologien und Leistungen aus dem Ausland als stark (44 Prozent) oder eher abhängig (50 Prozent) ein. Zwei Drittel (66 Prozent) erwarten, dass diese Abhängigkeit in den kommenden fünf Jahren weiter zunimmt. Auch mit Blick auf das eigene Unternehmen fällt die Einschätzung kritisch aus: 94 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien und Leistungen aus dem Ausland beziehen, sehen sich selbst als abhängig. Fast die Hälfte (49 Prozent) rechnet damit, dass die eigene Abhängigkeit künftig weiter steigt. "Internationale Arbeitsteilung ist eine Stärke unserer Wirtschaft, aber sie darf nicht dazu führen, dass wir im Krisenfall handlungsunfähig werden. Digitale Souveränität bedeutet Resilienz und ist deshalb eine Aufgabe für den gesamten Staat ebenso wie für jedes einzelne Unternehmen. Die Politik muss jetzt die richtigen Prioritäten setzen und dafür sorgen, dass Deutschland und Europa bei digitalen Schlüsseltechnologien unabhängiger werden", sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. "Dabei geht es nicht um Abschottung oder gar Autarkie. Es geht darum, einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren und auf Druck adäquat antworten zu können."
Ein Blick auf die digitale Infrastruktur der deutschen Wirtschaft zeigt, dass praktisch kein Unternehmen ohne Tech-Importe auskommt: 96 Prozent beziehen Geräte oder Services aus dem Ausland. Besonders häufig geht es um digitale Endgeräte wie Smartphones und Notebooks (94 Prozent), digitale Bauteile und Hardware-Komponenten wie Chips, Halbleiter oder Sensoren (79 Prozent) sowie Cloud-Dienste (73 Prozent). Auch Software (68 Prozent), Cybersicherheits-Anwendungen (62 Prozent) und Künstliche Intelligenz (56 Prozent) werden von einer Mehrheit aus dem Ausland bezogen. 45 Prozent nutzen Services wie IT-Beratung oder Programmierleistungen von Dienstleistern, die nicht in Deutschland sitzen.
Gleichzeitig ist die deutsche Wirtschaft selbst Anbieter digitaler Technologien und Leistungen, 33 Prozent der Unternehmen exportieren sie ins Ausland: am häufigsten digitale Dienstleistungen wie Programmierung oder IT-Beratung (24 Prozent) und Software (18 Prozent). Jeweils 16 Prozent der Unternehmen verkaufen digitale Bauteile und Hardware-Komponenten sowie digitale Geräte und Maschinen. Wichtigster Absatzmarkt für digitale Technologien und Leistungen ist die EU: 86 Prozent der Unternehmen, die entsprechende Produkte oder Dienstleistungen ins Ausland verkaufen, exportieren in andere EU-Staaten. In die USA exportieren insgesamt 61 Prozent, nach Japan und ins Vereinigte Königreich jeweils 54 Prozent.
Bei ihren Digitalimporten ist die deutsche Wirtschaft sowohl auf europäische als auch auf außereuropäische Technologiestandorte angewiesen. 83 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien und Leistungen aus dem Ausland beziehen, greifen auf Anbieter aus der EU zurück - 53 Prozent häufig und weitere 30 Prozent in Einzelfällen. Noch größer ist die Bedeutung der USA: 88 Prozent beziehen digitale Technologien und Leistungen von dort, 62 Prozent häufig. China folgt mit insgesamt 80 Prozent, davon 50 Prozent häufig. Japan kommt auf 33 Prozent, das Vereinigte Königreich auf 24 Prozent.
Bei weitem am größten ist die Abhängigkeit von China, noch vor den USA. Von China sehen sich 88 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien und Leistungen aus dem Ausland beziehen, abhängig. 61 Prozent, also fast zwei Drittel dieser Unternehmen, sind nach eigenen Angaben von China sehr abhängig, weitere 27 Prozent eher abhängig. Bei den USA sehen sich 47 Prozent stark und 40 Prozent eher abhängig. Von Taiwan fühlen sich 23 Prozent stark und 26 Prozent eher abhängig.
Mit Blick auf China und die USA ist die Besorgnis der Unternehmen besonders hoch: 79 Prozent der deutschen Unternehmen sagen, dass ihnen die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China Sorgen macht - 2024 waren es 69 Prozent. Noch deutlicher ist der Anstieg bei den USA: Der Anteil der Unternehmen, die sich aufgrund Deutschlands digitaler Abhängigkeit von den USA Sorgen machen, ist innerhalb von zwei Jahren von 38 auf 73 Prozent gestiegen.
Importausfälle digitaler Technologien und Dienste würden weite Teile der Unternehmen treffen - vor allem das Kerngeschäft: 93 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien und Leistungen aus dem Ausland beziehen, erwarten Auswirkungen auf ihre Produktion beziehungsweise Leistungserbringung, 91 Prozent auf Vertrieb und Verkauf und 87 Prozent auf Logistik und Lieferketten. Auch Einkauf und Beschaffung (79 Prozent), Kundenservice (78 Prozent) sowie IT-Betrieb und technische Infrastruktur (69 Prozent) wären betroffen. Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst: "Wenn digitale Importe aus wichtigen Herkunftsländern ausfallen, trifft das nicht nur die IT-Abteilung, es trifft das Kerngeschäft. Produktion, Vertrieb und Lieferketten hängen unmittelbar von digitalen Technologien und Leistungen ab. Die Unternehmen müssen ihre Abhängigkeiten deshalb systematisch reduzieren und diversifizieren. Und die Politik muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Deutschlands Unternehmen bei kritischen Technologien eigene Fähigkeiten entwickeln können."
Viele Unternehmen haben bereits damit begonnen, ihre digitalen Abhängigkeiten zu verringern und sich gegen mögliche Ausfälle abzusichern. 44 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien und Leistungen aus dem Ausland beziehen, setzen verstärkt auf Anbieter aus Deutschland und Europa. 41 Prozent halten größere Vorräte bei wichtigen Bauteilen und Komponenten vor, um mögliche Lieferengpässe abzufedern. 40 Prozent bereiten sich darauf vor, bei Bedarf wichtige Anbieter und Systeme auswechseln zu können. 32 Prozent bauen eigenes technisches Know-how auf, 31 Prozent beziehen wichtige Produkte, Komponenten oder Services von mehreren Lieferanten. 13 Prozent setzen verstärkt auf offene Standards. Nur 3 Prozent haben bislang keine Maßnahmen ergriffen.
Trotz des steigenden Bewusstseins für digitale Abhängigkeiten stehen bei der Auswahl ausländischer Geschäftspartner weiterhin finanzielle Aspekte an erster Stelle. Für 97 Prozent der Unternehmen sind die finanziellen Konditionen das wichtigste Kriterium, dicht gefolgt vom technologischen Know-how des Geschäftspartners mit 93 Prozent. Sicherheitsaspekte spielen ebenfalls eine große Rolle: 89 Prozent achten auf die IT-Sicherheitsstandards des Partner- beziehungsweise Lieferunternehmens, 82 Prozent auf die Rechtssicherheit im Land des Geschäftspartners und 78 Prozent auf den Einfluss ausländischer Regierungen. Dagegen berücksichtigen nur 50 Prozent eine langfristige Geschäftsbeziehung und das Vertrauensverhältnis zum Geschäftspartner. Wintergerst: "Die Unternehmen haben die Bedeutung von Sicherheit und Verlässlichkeit bei ihren Geschäftspartnern klar im Blick. Wichtig ist, dass die Unternehmen den Blick vor allem auf die langfristige Stabilität ihrer Lieferketten richten und auch die Frage beantworten, wie gut sie im Ernstfall auf alternative Anbieter ausweichen können."
Das Bewusstsein für die Risiken internationaler Abhängigkeiten ist bei Unternehmen, die digitale Technologien bzw. Leistungen aus dem Ausland beziehen oder ins Ausland verkaufen, zuletzt deutlich gestiegen: 73 Prozent gehen dabei mit Blick auf die Verlässlichkeit der Politik am Sitz ihrer ausländischen Partner inzwischen gezwungenermaßen Risiken ein - 2024 waren es noch 53 Prozent. 59 Prozent sagen, dass sie faktisch keine Möglichkeit hätten, sich gegen Druck ausländischer Partner oder Regierungen zu wehren. 2024 waren es 39 Prozent.
Dabei sehen die Unternehmen nur begrenzte Möglichkeiten, ihre Abhängigkeiten kurzfristig zu reduzieren: 85 Prozent halten ihre globalen Wertschöpfungsketten für zu stark verflochten und sind der Ansicht, dass sie stärker regionalisiert werden sollten. 68 Prozent sagen, dass es für bestehende Abhängigkeiten von Geschäftspartnern im Ausland keine Alternative gibt. Wintergerst: "Resilienz entsteht nicht über Nacht. Wir müssen heute die Voraussetzungen schaffen, damit Unternehmen morgen mehr Wahlmöglichkeiten haben: durch technologische Stärke, verlässliche Partnerschaften und einen wettbewerbsfähigen Standort Europa."
Die Unternehmen formulieren entsprechend einen klaren Auftrag an die Politik: 97 Prozent sind der Ansicht, dass Deutschland stärker in Schlüsseltechnologien investieren muss. Ebenso viele fordern, die digitale Souveränität Deutschlands dringend zu stärken. 84 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die EU ihre bestehenden Handelsschutzinstrumente stärker nutzt.
Aus Sicht des Bitkom müssen in Deutschland und Europa nun fünf Prioritäten gesetzt werden: Erstens Wettbewerbsfähigkeit und Zugang zu Kapital stärken - durch weniger Bürokratie, innovationsfreundliche Regulierung und bessere Bedingungen für Venture Capital sowie Start-ups und Scale-ups. Zweitens gezielt in digitale Schlüsseltechnologien und Infrastruktur investieren, insbesondere in Halbleiter, KI, Cloud-Technologien und Rechenzentren. Drittens Resilienz und Cybersicherheit stärken, unter anderem durch sichere und interoperable Systeme und offene Standards. Viertens Lieferketten und Technologiepartnerschaften stärker diversifizieren und europäische Wirtschaftsschutzinstrumente gezielt einsetzen. Und fünftens digitale Kompetenzen in allen Altersgruppen stärken und digitale Bildung langfristig ausbauen.
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst: "Digitale Souveränität ist kein einzelnes Förderprogramm, sondern eine strategische Aufgabe für Deutschland und Europa. Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, in Schlüsseltechnologien investieren und unsere digitale Infrastruktur resilienter machen. Gleichzeitig brauchen wir starke internationale Partnerschaften und eine Gesellschaft, die digital souverän handeln kann. Jetzt kommt es darauf an, diese Prioritäten langfristig zu verfolgen. Nur so schaffen wir die technologischen Fähigkeiten und Wahlmöglichkeiten, die wir brauchen, um wirtschaftlich und politisch auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn wir massiv unter Druck gesetzt werden."