04/01/2026 | Press release | Distributed by Public on 04/02/2026 02:49
Nachricht vom 01.04.2026
Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bleibt auch nach der Corona-Pandemie eine zentrale Herausforderung. Das Deutsche Schulbarometer 2026, eine repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der Universität Leipzig, zeigt nicht nur erneut erhöhte Belastungswerte, sondern liefert differenzierte Einblicke in die Rolle von Schule als Lebens- und Lernort. Besonders deutlich wird: Unterricht, Lehrkräftehandeln und soziale Dynamiken in der Schule stehen in engem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden von Schüler:innen. Was bedeuten diese Befunde konkret für Schulen? Wo liegen Ansatzpunkte für Veränderung und welche Herausforderungen zeigen sich im System selbst? Darüber sprechen wir mit Prof. Dr. Henrik Saalbach und Dr. Franziska Greiner-Döchert.
Die Ergebnisse zeigen, dass schulische Faktoren eng mit dem Wohlbefinden von Schüler:innen zusammenhängen. Was bedeutet das konkret für Schule als Gestaltungsraum?
Saalbach: Interessant ist: Unterrichtsqualität hängt nicht nur mit der akademischen Leistungsentwicklung zusammen, sondern auch mit dem schulischen Wohlbefinden. Das heißt, guter Unterricht nützt nicht nur dem Lernen, sondern sorgt auch dafür, dass sich Schüler:innen in einer Schule wohlfühlen.
Diese beiden Faktoren, Lernen einerseits und schulisches Wohlbefinden andererseits, kann man nicht gegeneinander ausspielen.
Oft hört man, Schüler:innen könnten sich nur wohlfühlen, wenn sie sich nicht anstrengen müssen, aber gerade das zeigt unsere Datenlage nicht. Guter Unterricht heißt, dass Lehrpersonen individuelle Rückmeldung geben, motivieren, das Lernen unterstützen und fördern, dass die Schüler:innen sich in der Schule wohlfühlen. Es muss daher auch ein Ziel von Bildung sein, dass Kinder und Jugendliche gerne in der Schule sind.
Die Daten weisen darauf hin, dass sowohl Überforderung als auch Langeweile verbreitet sind. Was sagt das über Unterricht aus - und wo können Schulen konkret ansetzen?
Greiner-Döchert: Aus unserer Sicht heißt das nicht, dass Unterricht generell langweilig oder überfordernd ist, sondern dass es eine sehr herausfordernde Aufgabe für Lehrkräfte ist, bei so einer Vielfalt an Schüler:innen ein möglichst gutes Angebot zu machen. Es geht vor allem um eine gute Passung zwischen dem Lernangebot und den Lernvoraussetzungen.
Ich denke, auch das zeigt die starke Vernetzung vom Lernen im engeren Sinne mit dem Wohlfühlen: Wenn ich ein für mich passendes Angebot bekomme, fühle ich mich natürlich auch wohl. Das sind Befunde, die nicht erwartungswidrig sind, sondern zu dem passen, was wir über Unterricht wissen.
Das Schulbarometer basiert stark auf der Perspektive von Schüler:innen. Welche Einsichten werden dadurch sichtbar, die in anderen Studien häufig fehlen?
Saalbach: Es ist das zweite Mal, dass im Rahmen des Schulbarometers auch Kinder und Jugendliche selbst befragt wurden. Und natürlich sind die 'Betroffenen' die beste Auskunftsquelle, wenn es um ihr Wohlbefinden und um das subjektive Erleben von Unterricht geht. Gerade, wenn man das in Zusammenhang mit psychischen Auffälligkeiten bringen will, ist das eine ganz wichtige Perspektive. Und das wurde bisher kaum beachtet. Insofern ist diese große, flächendeckende Befragung von Schüler:innenn wirklich innovativ und neu.
Greiner-Döchert: Dazu möchte ich ergänzen, dass wir wahrnehmen, dass Kinder und Jugendliche sich darüber freuen, wenn sie zu so einem Thema, das sie jeden Tag betrifft, zu Wort kommen, da ihre Stimme sonst wenig Gehör findet. Auch vor dem Hintergrund, dass in der empirischen Bildungsforschung häufig das Angebot-Nutzungs-Modell herangezogen wird, wird selten über diese Nutzungsperspektive aus Schüler:innensicht berichtet:
Wie werden bestimmte Angebote wie Unterricht überhaupt erlebt und wahrgenommen?
Inwiefern unterscheiden sich die Wahrnehmungen von Schüler:innen von denen von Lehrkräften oder Eltern - und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Schulentwicklung?
Saalbach: Bei dem neu hinzugekommenen Thema Mitbestimmung und Partizipation fanden wir heraus, dass ein Zusammenhang zwischen partizipativen Elementen und dem schulischen Wohlbefinden besteht. Und das fängt damit an, dass zum Beispiel regelmäßig eine Klassenleiter:innenstunde durchgeführt wird. Wir haben schon im letzten Schulbarometer herausfinden können, dass die Häufigkeit der Klassenleiter:innenstunde im Zusammenhang mit dem schulischen Wohlbefinden steht, also ob die Schüler:innen die Möglichkeit erhalten, außerhalb des Fachunterrichts in den Dialog über Dinge zu kommen, die sie bewegen. Die Ergebnisse zeigen, dass das leider bisher eher selten stattfindet. Bei einem Drittel der befragten Schüler:innen findet es gar nicht statt.
Aber partizipative Elemente gehen natürlich darüber hinaus: Inwiefern werden die Schüler:innen in Entscheidungen bzgl. Schule und Unterricht mit einbezogen, wie oft können sie sich bei schulischen Belangen und Veranstaltungen beteiligen, aber auch beim Unterricht und bei leistungs- und bewertungsrelevanten Aspekten.
Da zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der Perspektive der Schüler:innen einerseits und der Lehrperson andererseits.
Beide Seiten schätzen ungefähr ein ähnliches Maß an Mitbestimmung ein, aber die Schüler:innen wünschen sich viel mehr Mitsprachemöglichkeiten, während die Lehrpersonen den Standpunkt vertreten, dass es bereits ausreicht, wenn Schüler:innen beispielsweise bei der Schulhofgestaltung mitreden. Bei der Unterrichtsgestaltung sehen sie keine Notwendigkeit, Schüler:innen mehr partizipieren zu lassen.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede im Wohlbefinden nach sozialer Lage. Welche Rolle spielt Schule bei der Verstärkung oder dem Abbau solcher Ungleichheiten?
Greiner-Döchert: Wir sind vorsichtig damit, kausale Aussagen zu treffen, aber wir sehen auf deskriptiver Ebene, dass Schüler:innen aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischem Status potenziell ein niedrigeres Wohlbefinden angeben und höhere Werte in psychischen Belastungen haben. Was man anhand der Daten sagen kann, ist, dass es für alle Schüler:innen positiv ist, wenn sie sich von Lehrkräften unterstützt fühlen, wenn sie sich zugehörig fühlen zu einer Schulgemeinschaft und zu ihren Peers in der Klasse und wenn es stabile Beziehung gibt.
Als Schule ist es sinnvoll zu überlegen: Wer von unseren Schüler:innenn hat möglicherweise einen erhöhten Bedarf an Unterstützung? Worauf müssen wir expliziter achten? Wie können wir bspw. Schulsozialarbeit noch stärker in präventive Angebote einbinden?
Prinzipiell kann man auf den Daten basierend sagen, dass es sich lohnt, in Kombination mit den akademischen Zielen Beziehungen zu stärken, emotional zu unterstützen, ein offenes Ohr zu signalisieren, ansprechbar zu sein, verlässlich zu sein.
Deswegen mag ich die Befunde: Das alles sind keine zusätzlichen Maßnahmen, sondern betrifft das tägliche Miteinander und ist Ausdruck einer qualitativ hochwertigen Bildung, wenn wir Bildung ganzheitlich verstehen.
Viele Empfehlungen zielen auf "guten Unterricht", gleichzeitig stehen Schulen unter strukturellem Druck. Wo sehen Sie aktuell die größten Spannungen zwischen Anspruch und Realität?
Greiner-Döchert: Ich denke, die Herausforderung besteht darin, dass das Wissen, das wir haben, wirklich im Alltag ankommt, also dass es in Handlungsroutinen überführt wird. Ein Vorteil der Covid-Pandemie war, dass überhaupt der Blick auf psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gerichtet wurde und heute nicht mehr wegzudiskutieren ist. Die Schulen wissen: Wir müssen uns damit beschäftigen, weil wir psychische Belastungen in allen Klassen spüren.
Saalbach: Das ist ein wichtiger Punkt: Wir reden hier nicht von einer Utopie, sondern es ist ja schon in vielen Schulen gelebte Praxis. Wir haben in unserer Studie eine große Varianz gehabt, die diese Zusammenhänge aufzeigt. Wir konnten zeigen: in Schulen, wo schon mehr diesbezüglich läuft, wo das im Unterricht umgesetzt wird, wo mehr partizipiert wird, geht es den Schüler:innenn auch besser. Da müssen wir nicht nur die Schulpreis-Schulen anschauen. Es gibt auch andere, die das schon sehr gut machen.
Aber es gibt eben auch viele, die das noch nicht so gut umsetzen, wo es noch viel Optimierungsbedarf gibt. Wo auch Schüler:innen nach wie vor zum Teil in ihrer Würde verletzt und vorgeführt werden und wo der reine Lehrbetrieb im Mittelpunkt steht. Kinder und Jugendliche verbringen einen substanziellen Teil ihres Lebens in der Schule, aber dem wird häufig leider immer noch nicht so viel Beachtung geschenkt.
Schule als Ort, an dem man sich verwirklichen kann, an dem man sich wohlfühlt, an dem man Freund:innen hat, an dem man sich sozial entwickelt: dem wird noch nicht genug Rechnung getragen.
Wenn Schulen nur an wenigen Stellschrauben gleichzeitig drehen können: Welche hätten aus Ihrer Sicht die größte Wirkung und welche ermutigenden Befunde aus der Studie stimmen Sie dabei optimistisch?
Saalbach: Dass Schulen voneinander lernen, ist wichtig. Manchmal ist eine Schule bloß 500 Meter von einer anderen entfernt, aber es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wenn Lernbereitschaft von Seiten der Schule, aber auch von einzelnen Lehrpersonen besteht, dann ist schon viel gewonnen.
Die effektivste Stellschraube ist der Unterricht. Der Fokus muss darauf liegen, das Konzept von guter Schule und gutem Unterricht um die Komponente des Wohlbefindens zu erweitern, und dann aber auch guten Unterricht durchzuführen: Das nützt dem Wohlbefinden und dem Lernen.
Greiner-Döchert: Tatsächlich werden knapp 40 % des schulischen Wohlbefindens nur durch das Unterrichtsmerkmal "konstruktive Unterstützung" erklärt. Das ist ein Befund, den bisherige Studien nicht so eindeutig hervorgebracht haben, vor allem nicht unter Berücksichtigung der anderen Unterrichtsmerkmale "Klassenführung" und "kognitive Aktivierung".
Trotz der großen Varianz der Stichprobe zeigt sich über alle Altersstufen hinweg, dass die wahrgenommene Unterstützung durch die Lehrkräfte einen erheblichen Unterschied macht. Und das ist schon beachtlich.
Es ist ein sehr positiver Befund, dass es nicht so sehr auf familiäre Merkmale anzukommen scheint, sondern dass Schule eben einen wichtigen Raum bieten kann. Es geht nicht darum, dass Lehrkräfte therapeutisch fungieren sollen, sondern dass sie durch ihre Unterstützung im Unterricht einen ganz wesentlichen Beitrag zu Gesundheitsförderung im weiteren Sinne leisten können.
Erstellt von: Die Fragen stellte Franziska Löbner