HRW - Human Rights Watch Inc.

11/05/2026 | Press release | Distributed by Public on 11/05/2026 03:10

Hongkong: Joshua Wong zu fast zehn weiteren Jahren Haft verurteilt

Joshua Wong spricht vor Demonstrant*innen in der Nähe des Hongkonger Legislativrats, 17. Juni 2019. © 2019 Kin Cheung/AP Photo

(Tokio) - Das Oberste Gericht von Hongkong hat am 5. November 2026 den bekannten Demokratieaktivisten Joshua Wong auf Grundlage haltloser Vorwürfe unter Berufung auf das Nationale Sicherheitsgesetz zu zehn Jahren Haft verurteilt, teilte Human Rights Watch heute mit. Zwei Monate der Haftstrafe werden gleichzeitig mit seiner derzeitigen Haftstrafe im Zusammenhang mit dem Nationalen Sicherheitgesetz verbüßt. Wong befindet sich seit seinem 24. Lebensjahr - seit November 2020 - im Gewahrsam und muss mit einer Haft bis Ende 2036 rechnen; dann wird er 40 Jahre alt sein.

Die Regierung von Hongkong sollte Wong unverzüglich und bedingungslos freilassen. Ausländische Regierungen sollten die Urteile gegen ihn und andere zu Unrecht inhaftierte pro-demokratische Aktivist*innen öffentlich anprangern und gezielte Sanktionen gegen die für die zunehmende Unterdrückung in Hongkong verantwortlichen Amtsträger verhängen.

"Das harte Urteil gegen Joshua Wong aufgrund haltloser Anschuldigungen ist grausam und ungerecht", sagte Elaine Pearson, Asien-Direktorin bei Human Rights Watch. "Junge Menschen, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, sind ein Gewinn für jede lebendige Gesellschaft, doch die Regierung von Hongkong sperrt sie hinter Gitter."

Um die Bevölkerung Hongkongs unter Kontrolle zu halten und das Risiko eines internationalen Aufschreis zu verringern, scheint die Hongkonger Regierung die Taktik gewählt zu haben, einflussreiche pro-demokratische Führungspersönlichkeiten mit einer Vielzahl von Anklagepunkten zu überhäufen, um deren langfristige Inhaftierung sicherzustellen, so Human Rights Watch. Zu den weiteren namhaften Persönlichkeiten aus Hongkong, die mit ähnlichen Methoden verfolgt wurden, gehören Jimmy Lai, Gründer der Zeitung "Apple Daily", sowie die langjährigen Demokratieaktivisten Lee Cheuk-yan und Albert Ho.

Das Gericht verurteilte den 30-jährigen Wong gemäß dem Nationalen Sicherheitsgesetz wegen "Verschwörung zur Zusammenarbeit mit ausländischen Kräften". Die Behörden warfen ihm vor, sich zwischen 2016 und November 2020 mit dem Aktivisten Nathan Law und weiteren "unbekannten" Personen "verschworen" zu haben, um ausländische Regierungen dazu zu drängen, Sanktionen gegen Hongkong und chinesische Regierungsbeamte zu verhängen, da sie sich für die "demokratische Selbstbestimmung" Hongkongs einsetzten.

Die Staatsanwaltschaft stützte sich in hohem Maße auf die internationale Lobbyarbeit und die Medienkampagnen, die Wong und Demosisto - die politische Partei, die Wong 2016 mitbegründet hatte - vor Inkrafttreten des Nationalen Sicherheitsgesetzes durchgeführt hatten. Wong initiierte Online-Petitionen, sprach mit internationalen Medien und traf sich mit ausländischen Regierungsvertreter*innen, um auf Menschenrechtsverletzungen in Hongkong aufmerksam zu machen. Er forderte Regierungen nachdrücklich auf, Sanktionen gegen chinesische und Hongkonger Funktionäre zu verhängen, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, und den Verkauf von Waffen an die Hongkonger Polizei einzustellen, die diese für Menschenrechtsverletzungen einsetzt.

Wong hatte diese Aktivitäten größtenteils eingestellt, bevor das Nationale Sicherheitsgesetz in Kraft trat. Demosisto löste sich am 30. Juni 2020 auf, und Wong trat aus der Gruppe aus. Die Regierung führte jedoch Beiträge von Wong in den sozialen Medien als angebliche Beweise dafür an, dass seine mutmaßliche "Verschwörung" mit Law zur "Kollaboration mit ausländischen Kräften" auch nach Inkrafttreten des Gesetzes fortgesetzt worden sei. In diesen Beiträgen erklärte Wong, er werde "seine Ansichten nicht ändern" und in seiner Eigenschaft als Privatperson "weiterhin um Unterstützung der internationalen Gemeinschaft werben", während Law und andere im Ausland ihre internationale Lobbyarbeit fortsetzen würden.

Die Regierung verwies zudem auf Wongs spätere Kommentare und Medieninterviews, obwohl in keinem davon direkt Sanktionen gefordert wurden, was das Nationale Sicherheitsgesetz ausdrücklich verbietet. Sie verwies außerdem auf seine Weiterverbreitung von Laws Beiträgen, in denen allgemein Sanktionen gegen chinesische Amtsträger und die Polizei von Hongkong gefordert wurden.

Das Gericht befand, dass Wongs Straftat "schwerwiegender Natur" sei. Das Nationale Sicherheitsgesetz sieht für "Kollaboration mit ausländischen Kräften" Freiheitsstrafen von drei bis zehn Jahren vor, für Straftaten, die als "schwerwiegend" eingestuft werden, hingegen Freiheitsstrafen von zehn Jahren bis lebenslänglich. Wong legte am 2. September offiziell ein Schuldbekenntnis ab. Ein Schuldbekenntnis führt in der Regel zu einer Strafminderung um ein Drittel. Eine Strafminderung kann die Haftdauer jedoch nicht unter das gesetzliche Mindestmaß senken.

Aufgrund von Berichterstattungsbeschränkungen im Rahmen des Vorverfahrens - bei dem ein Richter entscheidet, ob ein Fall zur Verhandlung an ein höheres Gericht verwiesen wird - waren die Einzelheiten der Vorwürfe gegen Wong der Öffentlichkeit bis zur formellen Anklageerhebung nicht bekannt. Die Regierung erließ im Jahr 2024 ein Gesetz, das es dem Gericht ermöglicht, aus Gründen der nationalen Sicherheit dem Angeklagten das Recht zu verweigern, beim Gericht die Aufhebung der Berichterstattungsbeschränkungen zu beantragen.

Indem die Regierung die Medienberichterstattung über das Vorverfahren in Fällen, die unter das Nationale Sicherheitsgesetz fallen, einschränkt, kann sie die Darstellung der Ereignisse kontrollieren und untergräbt den Grundsatz der öffentlichen Gerichtsbarkeit.

Seit Peking im Juni 2020 das Nationale Sicherheitsgesetz für Hongkong eingeführt hat, nutzen die Behörden in Hongkong das neue Rechtssystem - zusammen mit bestehenden Gesetzen -, um die Zivilgesellschaft rasch zu zerschlagen und Hunderte Aktivist*innen und Regierungskritiker*innen zu festzunehmen, zu inhaftieren oder ins Exil zu zwingen.

Wong befindet sich seit November 2020 in Haft, als er sich in zwei Anklagepunkten wegen der Organisation und Anstiftung zu einer unerlaubten Versammlung im Zusammenhang mit der stadtweiten Protestbewegung von 2019 schuldig bekannte. Danach bekannte er sich bei weiteren Gelegenheiten in fünf weiteren Anklagepunkten schuldig, darunter wegen Verstoßes gegen ein Maskenverbot, der Teilnahme an einer unerlaubten Mahnwache zum Gedenken an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz von 1989 sowie wegen Verstoßes gegen ein gerichtliches Verbot, die persönlichen Daten eines Polizeibeamten offenzulegen.

Während er diese Strafen verbüßte, wurde Wong zusätzlich wegen zweier Verstöße gegen die nationale Sicherheit angeklagt, auf die weitaus härtere Strafen stehen. Im Januar 2021 wurde Wong wegen "Verschwörung zur Untergrabung der Staatsordnung" angeklagt, da er 2020 an einer inoffiziellen demokratischen Vorwahl teilgenommen hatte, und zu weiteren vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

Noch bevor Wong diese Haftstrafen vollständig verbüßt hatte, erhoben die Behörden im Juni 2025 den Vorwurf der "Kollaboration mit ausländischen Kräften" gegen ihn und sorgten so dafür, dass er im Gefängnis bleiben musste.

Wong wurde bereits als Teenager zu einem der bekanntesten Demokratieaktivisten Hongkongs, nachdem er 2012 eine Massenprotestaktion gegen einen staatlichen Lehrplan angeführt hatte, der weithin als politische Indoktrination angesehen wurde. Während der Regenschirm-Bewegung 2014 wurde er zum weltweiten Gesicht der Demokratiebewegung in Hongkong und gründete 2016 gemeinsam mit Law und anderen die Partei Demosisto. Die Partei löste sich am 30. Juni 2020 auf, wenige Stunden vor Inkrafttreten des Nationalen Sicherheitsgesetzes.

Die weitreichenden Bestimmungen des Nationalen Sicherheitsgesetzes werden dazu genutzt, friedliche Proteste und Meinungsäußerungen zu ahnden. Die Anwendung dieses Gesetzes gegen Wong und andere verstößt gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung gemäß dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, der durch die De-facto-Verfassung der Stadt, das Grundgesetz, sowie die Verordnung über die Grundrechte in das Recht Hongkongs aufgenommen wurde.

"Peking hat für seine zunehmende Unterdrückung in Hongkong keinerlei Preis gezahlt", sagte Pearson. "Betroffene Regierungen sollten auf die Freilassung von Wong und anderen Aktivisten drängen, gezielte Sanktionen gegen die beteiligten Amtsträger verhängen und ihre Beziehungen zu China angesichts der sich verschärfenden Menschenrechtsverletzungen umfassender überprüfen."

HRW - Human Rights Watch Inc. published this content on November 05, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on November 05, 2026 at 09:10 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]