08/26/2026 | Press release | Distributed by Public on 08/26/2026 08:28
Die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt erinnert seit heute in der Ruhlaer Straße 8, 14199 Berlin-Schmargendorf mit einer Berliner Gedenktafel an den Historiker Simon Dubnow (1860-1941).
1922 floh der 62-jährige jüdische Historiker Simon Dubnow mit seiner Frau Ida vor Hunger, Not und politischer Verfolgung aus Sowjetrussland nach Berlin, dem Zentrum der russisch-jüdischen Emigration und Brücke zwischen West- und Ostjudentum. Hier vollendete er sein Hauptwerk, die zehnbändige "Weltgeschichte des jüdischen Volkes" (1925-1929) - doch mit wachsender Sorge sah er den Aufstieg des Nationalsozialismus.
Geboren 1860 in Mstislawl, hatte er als junger Mann mit der rabbinischen Orthodoxie gebrochen; dort schloss er sich einem Aufklärungskreis im Hause von Ida Frejdlin, seiner späteren Frau, an. Ausgangspunkt seines Lebenswerks war ein historischer Fund: die Protokollbücher der Gemeinden, der Kreisräte, des Vierländerrates und des Parlaments der Juden Litauens. Darin sah er eine jahrhundertealte Fähigkeit zur jüdischen Selbstorganisation in der Diaspora - Grundlage seines Autonomismus: säkulare Selbstverwaltung, abgesichert durch Minderheitenrechte. Fast zwangsläufig führte dies in die Politik: 1906 gründete er die Folkspartei, deren Forderungen sich weiterverbreiteten und später die Weimarer Jüdische Volkspartei prägten. Er unterstützte die Arbeit des Comité des Délégations Juives für Minderheitenrechte auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 und wurde 1927 in Zürich ins Präsidium des Council for Jewish Minority Rights gewählt. Angesichts des erstarkenden Nationalsozialismus planten Dubnow und Mitstreiter den Jüdischen Weltkongress als Bollwerk gegen den "neuen Kreuzzug des Hakenkreuzes"; seine geplante Eröffnungsrede musste 1932 in Genf aus gesundheitlichen Gründen verlesen werden.
Von der Ruhlaer Straße 8 aus wirkte er in Berlin als Unterstützer des YIVO und Verfechter jüdischer und allgemeiner Minderheitenrechte, bevor er 1933 mit Ida nach Riga floh. Dort starb ein Jahr später seine "rebellische Gefährtin" aus Jugendtagen, die ihm bei seiner historischen Forschungsarbeit half. Dubnow vollendete in Riga die russische Ausgabe der "Weltgeschichte des jüdischen Volkes" und seine Memoiren, bevor er 1941 bei der Liquidierung des Rigaer Ghettos durch die deutschen Nazis und ihre lokalen Helfershelfer ermordet wurde.
Die Berliner Gedenktafeln sind ein Programm des Landes Berlin, eingebunden in das Förderprogramm Historische Stadtmarkierungen der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die weißen Porzellantafeln werden von der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin hergestellt. Die Recherche für den Tafeltext und die Organisation der Enthüllung lagen bei dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin, der sich seit 2013 bei der Umsetzung des Berliner Gedenktafelprogramms engagiert.