02/04/2026 | Press release | Distributed by Public on 02/04/2026 02:23
Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine. Seitdem leidet nicht nur die Bevölkerung unter den täglichen Angriffen, auch die Wissenschaft ist vom Krieg betroffen - in der Ukraine, Russland und Deutschland. Die Osteuropa-Expertinnen Prof. Dr. Christina Clasmeier, Prof. Dr. Regina Elsner und Prof. Dr. Ricarda Vulpius schildern im Interview mit André Bednarz die Konsequenzen für ihre Arbeit, die Veränderungen in ihren Fächern sowie innere und äußere Konfliktlinien.
Was sind die markantesten Auswirkungen des Krieges auf die Wissenschaft und Ihre Arbeit?
Christina Clasmeier: Die Slavistik durchlebt einen beschleunigten Wandel, sie will inhaltlich und institutionell mehr sein als Russistik, wodurch die anderen slavischen Sprachen, Literaturen und Kulturen stärker in den Fokus rücken. Eine markante Auswirkung für mich als Sprachwissenschaftlerin ist der erschwerte Zugang zur russischen und belarussischen Sprache, zu ihren Sprecherinnen und Sprechern. Dadurch kann ich derzeit bestimmte Forschungsfragen nicht verfolgen.
Regina Elsner: Das gilt auch für mein Forschungsfeld Religion und Kirche. Der direkte Kontakt vor Ort fehlt - in der Ukraine und Russland sowie in Belarus. Aber auch die Forschungsethik ist betroffen: Wozu forsche ich? Wer nutzt meine Ergebnisse wofür? Gerade die russische Propaganda nutzt Religion, die Frieden stiften, aber auch Kriege befördern kann. Dadurch ist meine Arbeit sicherheitsrelevant geworden.
Ricarda Vulpius: Der Angriffskrieg hat die osteuropäische Geschichte auf den Kopf gestellt. Viel früher und intensiver, ohne den Krieg als Auslöser, hätten wir uns der Ukraine und ihrer Geschichte zuwenden müssen. Darüber hinaus leiden vor allem die Archivarbeit und die Kooperationen mit Kolleginnen und Kollegen: in Russland wegen der Kontakt- und Reisebeschränkungen, in der Ukraine wegen des Krieges. Wir nutzen deswegen vermehrt bereits erschlossenes und aufbereitetes Quellenmaterial. Zudem forschen wir verstärkt zu Themen aus der imperialen Peripherie, also beispielsweise zum Südkaukasus oder zum Baltikum.
Sie können wegen des Embargos auch nicht nach Russland reisen?
Vulpius: Ja. Das käme allerdings auch aus anderen Gründen nicht infrage: Regina Elsner und ich liefen Gefahr, festgesetzt zu werden. Wir leiten die Münsteraner Zweigstelle der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, die Russland als extremistische Organisation eingestuft hat. Die Gefahr für uns, aber auch für all jene, die mit uns zusammenarbeiten und Familie in Russland haben, ist ernst zu nehmen.
Was machen die äußeren Umstände mit Ihren Fachgemeinschaften?
Vulpius: Der Großangriff hat uns in der osteuropäischen Geschichte auf ungeahnte Weise zusammengeschweißt. Darum wehren wir uns auch gemeinsam gegen nicht fundierte Angriffe einer russlandfreundlichen Öffentlichkeit und sind insgesamt sehr präsent, was die Kommunikation mit Einrichtungen, Parteien, Vereinen betrifft. Viele von uns spüren die Verantwortung, die Ukraine zu unterstützen.
Elsner: In der Theologie sehe ich das kaum. Nur wenige in der Ostkirchenkunde befassen sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen. Als Friedensforscherin sehe ich sogar eine massive Spaltung in dieser Disziplin, die Frage nach militärischer Unterstützung polarisiert sehr, ebenso der Umgang mit der Russischen Orthodoxen Kirche.
Clasmeier: In der Slavistik gibt es ebenfalls intensive Debatten. Über die Notwendigkeit, mehr zu sein als Russistik, herrscht glücklicherweise Einigkeit. Kontrovers diskutiert wird, welche Rolle die Erforschung russistischer Themen einnehmen darf oder soll. Gestritten wird etwa über den Umgang mit der klassischen russischen Literatur, weil diese bereits von imperialen Elementen durchdrungen ist. Auch die Sprachwissenschaft ist davon berührt, beispielweise bei der Behandlung und Bewertung des Einflusses, den das Russische im Laufe der Sprachgeschichte auf das Ukrainische und Belarussische hatte. Die Argumentation ist mitunter irrational. Menschlich ist das verständlich. Dennoch müssen wir, so schwierig es in der Begegnung ist, wissenschaftliche Standards aufrechterhalten ...
Elsner: ... woraufhin ukrainische Kollegen mitunter den Vorwurf erheben, man würde russische Propaganda betreiben.
Vulpius: Das betrifft auch die gemeinsame Wissenschaftssprache. Inzwischen ist es undenkbar, mit vielen ukrainischen Kollegen Russisch als Verständigungssprache zu nutzen. Wir behelfen uns in entsprechenden Runden mit Englisch, wenn nicht alle Deutsch oder Ukrainisch sprechen.
Die Ukraine und Osteuropa insgesamt stehen seit 2022 viel stärker im gesellschaftlichen und politischen Fokus. Geht damit denn auch eine bessere finanzielle Förderung Ihrer Fächer und Forschung einher?
Vulpius: Das sehe ich nicht. Gleichwohl rechne ich dem deutschen System hoch an, dass es die Finanzierungsmöglichkeiten für geflüchtete Wissenschaftler verbessert hat. Das ist meines Erachtens in dieser Dimension einzigartig in der EU. Allerdings stelle ich fest, dass die Situation für diese Wissenschaftler, gerade in der Postdoc-Phase, schwierig ist. Sie haben kaum Planungssicherheit, kämpfen akademisch und finanziell ums Überleben. Auch das beeinflusst und belastet unsere Forschung.
Und wie wirkt sich der Krieg auf die Studierenden und das Studium an sich aus?
Clasmeier: Ein gesteigertes Interesse von Studierenden an der Slavistik sehe ich seit dem Krieg nicht. Viele junge Leute begreifen nicht, dass auch ihre Freiheit existenziell bedroht ist. Das ist erschütternd.
Elsner: Dem stimme ich zu. Gerade bei diesem Thema erkenne ich kein besonderes politisch-ethisches Interesse der Studierenden.
Clasmeier: Ukrainisch ist in Münster bisher leider nicht so stark gefragt, wie wir uns wünschen würden, obwohl das Institut einen großen Aufwand betrieben hat, entsprechende Sprachkurse anzubieten. Russisch steht bei den Studierenden weiterhin stärker im Fokus.
Vulpius: Mich verblüfft allerdings die Diskrepanz: Einerseits wünschen sich Studierende Bezüge zu aktuellen Themen, andererseits werden Veranstaltungen wie eine Vorlesung zur Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen kaum besucht. Erfolgreich war jedoch ein Experiment: In einer Online-Veranstaltung arbeiteten Studierende aus Münster und Czernowitz zusammen. Durch den persönlichen Austausch wurde deutlich, dass die ukrainischen Kommilitonen im Krieg nicht wissen, ob sie morgen noch leben, Strom haben oder wegen Raketenalarms in den Keller müssen.
Elsner: Es zeigen vor allem diejenigen Interesse an Lehrveranstaltungen, die Wurzeln oder Verwandte in Osteuropa haben. Auch Menschen, die als Gastfamilie oder in der Schule Kontakt zu Ukrainern hatten, wollen mehr über die Hintergründe erfahren.
Eine persönliche Frage: Sie haben sich als Wissenschaftlerinnen der ukrainischen und russischen Sprache, Geschichte, Religion und den Menschen verschrieben. Wie geht es Ihnen seit Februar 2022?
Vulpius: Für mich ist es der Zusammenbruch eines Traums. Auch weil ich in den 1980ern noch die Block-Konfrontation und dann nach 1990 die Wiederannäherung zwischen Ost und West miterlebt habe.
Clasmeier: Ich empfinde eine große Trauer darüber, was in der Ukraine geschieht. Aber auch darüber, was mit ,meinem' Russland passiert. Ich habe Russisch aus einer großen Zuneigung zu dieser Region und ihren Menschen studiert. Es ist entsetzlich und schmerzhaft, dass dieses Land einen so brutalen Krieg führt.
Elsner: Ich spüre einen tiefen Vertrauensverlust im Umgang mit russischen Kolleginnen und Kollegen. Warum darf diese Person Russland verlassen, wurde sie geschickt, kann man ihr noch vertrauen? Viele Verbindungen zu Russland sind abgebrochen. Nach meiner langen Zeit dort habe ich ein Stück Heimat verloren. Aber mich begleitet seit 2022 vor allem die ständige Sorge um ukrainische Kollegen - und diese Sorge prägt den Alltag sehr.
Vulpius: Freundschaften und enge wissenschaftliche Beziehungen sind in die Brüche gegangen. Alexei Miller, ein bekannter russischer Historiker und guter Kollege von mir, stützt inzwischen Putins Kurs, die Ukraine zu vereinnahmen. Unser Fach fragt sich nunmehr, ob Miller vielleicht für den russischen Geheimdienst gearbeitet hat, und welche Verantwortung auch wir tragen. Die Folge ist ein Nicht-Miteinander-Sprechen-Können.
Gibt es etwas, das Ihnen trotz allem Mut macht?
Vulpius: Es ist eindrucksvoll, wie viele Forscher in der Ukraine weitermachen. Etwa an der Universität Charkiw, die sofort nach Beginn des Großangriffs in die Keller zog und dort weitermachte. Diese Unerschrockenheit hat mich sprachlos gemacht. Gleichzeitig ist die Lage katastrophal und die Gefahr einer weiteren Eskalation groß. Aber um beim Mut zu bleiben: Es ist eine große Bereicherung, dass wir inzwischen viel stärker auf die osteuropäische Geschichte abseits von Russland blicken und uns zudem dank digitaler Vernetzung mit ukrainischen Kollegen, die nicht rauskönnen, in Webinaren treffen können. Dadurch rücken wir enger zusammen.
Elsner: Es macht Mut, die Resilienz der ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu sehen, ihren Willen, die eigene Arbeit und Haltung nicht durch den Krieg brechen zu lassen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft mit Blick auf die Wissenschaft?
Vulpius: Mit Blick auf ukrainische Wissenschaftler wünsche ich mir zum einen, dass sie die Kraft behalten, trotz aller entsetzlichen Umstände weiterzumachen. Zum anderen hoffe ich, dass sie dem Druck standhalten und geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse nicht politisieren. Auch wenn sie dadurch zuweilen Gefahr laufen, als Verräter des Volkes gebrandmarkt zu werden.
Elsner: Ich hoffe, dass wir wieder besser ins Gespräch kommen und die Politisierung der Inhalte abnimmt. Ich glaube, das kann in den kleinen Räumen passieren. Dort, wo keine Kamera ist, keine Pressemitteilung erscheint, sondern im persönlichen Austausch.
Vulpius: Genau diese Brücken brauchen wir.
Clasmeier: Und wir brauchen noch eins: die kritische Stimme der Wissenschaft in einer wieder zunehmend durch das Recht des Stärkeren dominierten Welt. Ich hoffe, dass sie Gehör findet.
Zu den Personen:
Dr. Regina Elsner ist seit 2023 Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Sie forscht vor allem zur Orthodoxie in Osteuropa und zur orthodoxen Sozial- und Friedensethik. Außerdem untersucht sie Kirchen und Zivilgesellschaft in Russland, der Ukraine und Belarus und beschäftigt sich mit ökumenischen Beziehungen.
Dr. Ricarda Vulpius ist seit 2021 Professorin für osteuropäische und ostmitteleuropäische Geschichte und seit 2024 geschäftsführende Direktorin des Historischen Seminars der Universität Münster. In ihren Forschungsschwerpunkten, der russländischen Imperiumsgeschichte sowie der Geschichte der Ukraine und ihren Verflechtungen, konzentriert sie sich auf das 16. bis 20. Jahrhundert.
Dr. Christina Clasmeier ist seit 2022 Juniorprofessorin für slavistische Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt Translationswissenschaft. An der Universität Hamburg studierte sie Ost- und Westslavistik sowie Psychologie, an der Ruhr-Universität Bochum promovierte sie in slavistischer Sprachwissenschaft. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Psycholinguistik der slavischen Sprachen.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.