Westfälische Wilhelms-Universität Münster

02/04/2026 | Press release | Distributed by Public on 02/04/2026 03:03

Wissenschaft unter Beschuss

So wie viele ukrainische Universitäten zerstört oder beschädigt wurden (hier ein Hörsaal der Nationalen Universität Charkiw), so hat die Wissenschaft durch den Krieg als Ganzes Schaden genommen - in der Ukraine, Russland und darüber hinaus. © picture alliance / Anadolu | Stringer

Wissenschaft unter Beschuss

Wie der Krieg gegen die Ukraine Forschung, Lehre und internationale Kooperationen verändert

Vier Jahre Krieg: Der russische Angriff auf die Ukraine hat mehrere Zehntausend Opfer gefordert und massive Zerstörungen hinterlassen. Betroffen sind Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen, Kultureinrichtungen und das Wissenschaftssystem. Laut einer UNESCO-Analyse aus dem Jahr 2024 mussten 44 Universitäten ihren Standort wechseln, rund 1.500 Gebäude von 177 Institutionen wurden zerstört oder beschädigt. Während die Verteidigungsausgaben steigen, sind die staatlichen Mittel für Bildung stark gesunken. Zugleich verließen zehntausende Forscherinnen und Forscher ihre Heimat und suchten im Ausland Schutz und Arbeitsmöglichkeiten.

"Umso beeindruckender ist es, wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Ukraine weitermachen", betont Prof. Dr. Ricarda Vulpius, Expertin für osteuropäische Geschichte an der Universität Münster. So verlegte die Universität Charkiw unmittelbar nach Beginn des Großangriffs ihre Lehre in Kellerräume. Die Forschung läuft weiter - oft unter extremen Bedingungen.

Auch an der Universität Münster sind die Folgen des Krieges spürbar. Dr. Larysa Kovbasyuk, eine aus Cherson geflüchtete Professorin, arbeitet seit fast drei Jahren am Germanistischen Institut der Uni Münster. "Der Krieg und die permanente Sorge um meine Familie haben meine wissenschaftliche Arbeit tiefgreifend verändert. Tempo, Konzentration und Perspektive haben sich verschoben", sagt sie. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt heute auf Kriegssprache, Erinnerungskultur und Migration. Förderprogramme und Initiativen wie "Ukrainian Studies in Münster" ermöglichen Austausch und Sichtbarkeit. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass es für Universitäten sehr mühsam und aufwendig ist, internationale Kooperationen einzugehen, beispielsweise wenn sie von der Frontlinie in den Westen verlegt wurden oder sich dort befinden. "Das ist sehr schmerzhaft", betont Larysa Kovbasyuk.

Parallel dazu haben sich die Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit mit Russland grundlegend verändert. Durch das Russland-Embargo wurden Kooperationen mit russischen Hochschulen erschwert und Forschungsprojekte sowie der Studierendenaustausch ausgesetzt. "Es gibt keine pauschalen Verbote für die Zusammenarbeit", erklärt Frederike Milde, Abteilungsleiterin Beteiligungscontrolling, Steuern und Exportkontrolle. "Doch wir müssen einen aufwendigen Hintergrundcheck von russischen Gästen durchführen. Je nach Forschungsgebiet häufig mit Einbezug des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle." Dabei wird unter anderem die Nähe zu staatlichen Institutionen, zum Militär oder zu sanktionierten Unternehmen sowie der Forschungseinsatz an der Universität selbst geprüft. Rund 20 Fälle pro Jahr beträfen diese Verfahren, besonders komplex seien sie in den Naturwissenschaften und der Medizin.

Auch für russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat der Krieg gravierende Folgen. Prof. Dr. Elena Marasinova, die bis Sommer 2022 an der Higher School of Economics in Moskau tätig war, musste aufgrund politischer Äußerungen und anschließender Bedrohungen fliehen. Aktuell forscht sie in der Abteilung für osteuropäische Geschichte. "Die russische Geschichte ist einer der Wissenschaftsbereiche, die am stärksten von den tragischen Ereignissen der letzten vier Jahre betroffen sind. Viele Einrichtungen, die es russischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einst ermöglichten, internationale Kontakte zu pflegen, wurden aufgelöst - etwa das Deutsche Historische Institut in Moskau", berichtet sie. Umgekehrt hätten Historiker aus anderen Ländern nicht mehr die Möglichkeit, in russischen Archiven zu arbeiten oder sich mit ihren russischen Kollegen wissenschaftlich auszutauschen.

Ricarda Vulpius sieht trotz allem einen bleibenden Effekt: ein gewachsenes Bewusstsein für Wissenschaftsfreiheit und institutionelle Resilienz. "Wenn geflüchtete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland oder anderen europäischen Ländern lehren und forschen können, werden Netzwerke gestärkt, die in Friedenszeiten weitergeführt werden können", sagt sie.

Autorin: Kathrin Kottke

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.

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