WHO - World Health Organization Regional Office for Europe

03/23/2026 | Press release | Archived content

In der Europäischen Region wird ein Fünftel aller Tuberkulosefälle übersehen, während medikamentenresistente Stämme im weltweiten Vergleich weiterhin besonders stark verbreitet[...]

Neuer Surveillance-Bericht von WHO und ECDC verdeutlicht: Zehntausende von Menschen werden nicht diagnostiziert, und die Raten multiresistenter Tuberkulose in der Europäischen Region sind bis zu siebenmal höher als im weltweiten Durchschnitt

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

Europäische Region der WHO

  • 2024 wurden aus 51 der 53 Länder der Europäischen Region der WHO insgesamt 161 569 neue Tuberkulosefälle bzw. Rückfälle gemeldet, was 17,2 pro 100 000 Einwohner entspricht.
  • Nach Schätzungen der WHO erkrankten im Jahr 2024 in der Europäischen Region 204 000 Personen an Tuberkulose.
  • Geschätzt ein Fünftel der Fälle in der Europäischen Region bleibt undiagnostiziert oder wird nicht gemeldet - eine kritische Lücke in der Fallerkennung.
  • 23 % der neuen Tuberkulosefälle in der Europäischen Region sind multiresistent, im weltweiten Durchschnitt sind es 3,2 %.
  • 51 % der bereits behandelten Tuberkulosefälle in der Europäischen Region sind resistent gegen Rifampicin, weltweit sind es 16 %.

Europäische Union und Europäischer Wirtschaftsraum (EU/EWR)

  • 2024 wurden insgesamt 38 249 Tuberkulosefälle aus 30 Ländern gemeldet, was einer Meldequote von 8,4 pro 100 000 Einwohner entspricht.
  • 4,2 % aller Neu- und Rückfälle betreffen Kinder unter 15 Jahren.
  • 3,5 % der neuen Tuberkulosefälle sind multiresistent.
  • Etwa ein Fünftel (22 %) der Personen, die eine Behandlung begonnen haben, sind nach einem Jahr noch nicht evaluiert worden - eine Lücke, die sogar bei Kindern unter 15 Jahren weiter besteht.
  • Alle drei in den Ländern der EU und des EWR gemeldeten extensiv medikamentenresistenten Fälle aus der Kohorte 2021 sind gestorben.
WHO/Europa und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) haben heute den gemeinsamen Bericht "Tuberkulose-Surveillance und -Kontrolle in der Europäischen Region 2026" veröffentlicht. Aus diesem geht hervor, dass die Europäische Region der WHO, die 53 Länder in Europa und Zentralasien (einschließlich der 30 Länder der EU und des EWR) umfasst, in zweierlei Hinsicht weiterhin hinter den für die Europäische Region und die globale Ebene festgelegten Etappenzielen für die Beendigung der Tuberkulose zurückbleibt: ein anhaltendes Problem bei der Erkennung von Tuberkulose, da jeder fünfte Tuberkulosefall nicht diagnostiziert oder nicht gemeldet wird, und ein nach wie vor weit höheres Maß an Arzneimittelresistenz als in anderen Regionen der WHO. Diese beiden Krisen sind untrennbar miteinander verbunden. Menschen, die erst spät diagnostiziert werden, haben ein höheres Risiko, Tuberkulose auf andere zu übertragen und sind schwerer zu behandeln. Eine verstärkte Übertragung der Tuberkulose kann dazu führen, dass bei einer hohen Zahl von Menschen die Behandlung versagt, was eine der Hauptursachen für Resistenzen ist. Die Schließung der Erkennungslücke und die Bekämpfung von Arzneimittelresistenzen sind keine parallelen Prioritäten, sondern Teile derselben Anstrengung.

Zwar ist die Tuberkuloseinzidenz in der gesamten Europäischen Region seit 2015 um 39 % und die Zahl der Todesfälle um 49 % zurückgegangen, doch liegen beide Zahlen weit unter den für 2025 festgelegten Zielvorgaben der Endspielstrategie für Tuberkulose, nämlich 50 % bzw. 75 %. In den Ländern der EU und des EWR ist die Zahl der Tuberkulosefälle um 33 % und die Zahl der Todesfälle um 17 % zurückgegangen. Die meisten Länder der EU und des EWR wie auch der Europäischen Region insgesamt werden ihre Ziele für 2030 nicht erreichen, was zu Tausenden von Neuinfektionen und Todesfällen führen dürfte, die verhindert werden könnten.

Defizite bei der Fallentdeckung und der Weiterverfolgung

2024 wurden insgesamt 161 569 neu diagnostizierte Tuberkulosefälle aus 51 der 53 Länder der Europäischen Region gemeldet. In demselben Jahr wurden in der Europäischen Region nur 79 % der geschätzten Zahl der Neu- und Rückfälle von Tuberkulose gemeldet, was bedeutet, dass viele Menschen mit Tuberkulose nicht diagnostiziert oder nicht gemeldet wurden. Diese Lücke hat unmittelbare Folgen: Nicht diagnostizierte Personen erhalten keine Behandlung und übertragen die Krankheit in ihrem Umfeld weiter. In den Ländern der EU und des EWR sind die Fortschritte nach wie vor unzureichend. Zwar haben sich die Meldequoten stabilisiert, doch gibt es nach wie vor Lücken bei der Diagnose und Defizite bei der Weiterverfolgung aufgrund von Beschränkungen in den Gesundheitssystemen. In den Ländern der EU und des EWR wird ein Fünftel der Personen, die eine Tuberkulosebehandlung beginnen, nach einem Jahr nicht evaluiert - eine schwerwiegende Lücke, die auch bei Kindern unter 15 Jahren besteht. Diese Daten unterstreichen die Notwendigkeit verstärkter Anstrengungen bei der Früherkennung und einer soliden Weiterverfolgung, sobald die Diagnose gestellt ist.

"Ein Fünftel aller Personen mit Tuberkulose in der Europäischen Region wird im Gesundheitswesen immer noch übersehen. Das ist nicht nur ein Versäumnis bei der Erkennung, sondern auch eine verpasste Chance, früher zu behandeln, Leiden zu verhindern und die Weiterübertragung zu stoppen", erklärte Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. "Wir haben Fortschritte erzielt: Seit 2015 ist die Tuberkuloseinzidenz um 39 % und die Zahl der Todesfälle um 49 % gesunken. Aber wir kommen immer noch nicht schnell genug voran, und die medikamentenresistente Tuberkulose bleibt für uns eine der größten Bedrohungen. Getreu dem Motto des diesjährigen Welttuberkulosetags: Ja, wir können die Tuberkulose beenden - unter der Führung der Länder und mit der Kraft der Menschen. Durch Investitionen in eine rasche Diagnose, kürzere rein orale Behandlungsschemata und eine intensivere Weiterverfolgung können die Länder mehr Menschen früher erreichen, bessere Ergebnisse erzielen und uns wieder auf Kurs zu unseren Zielen bringen."

"In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Tuberkulosefälle in den Ländern der EU und des EWR um 33 % und die Zahl der Todesfälle um 17 % zurückgegangen. Diese Fortschritte sind das Ergebnis des starken Engagements der Mitgliedstaaten und unserer gemeinsamen Anstrengungen", sagte die Direktorin des ECDC, Dr. Pamela Rendi-Wagner. "Um die für 2030 gesteckten Ziele zu erreichen, sind kontinuierliche Anstrengungen und Zusammenarbeit bei der Früherkennung und bei der anhaltenden Weiterverfolgung erforderlich, um Menschen zu unterstützen, bei denen bereits Tuberkulose diagnostiziert wurde."

Medikamentenresistenz ist eine regionsweite Notlage

Auf die Europäische Region der WHO entfällt ein unverhältnismäßig großer Anteil an der weltweiten Prävalenz der rifampicin- bzw. multiresistenten Tuberkulose (RR- bzw. MDR-Tb). Medikamentenresistente Stämme sind wesentlich schwieriger zu behandeln, erfordern längere und komplexere Therapien und sind mit einer wesentlich höheren Sterblichkeit verbunden. 2024 gab es in der gesamten Europäischen Region insgesamt 26 845 bestätigte Fälle von RR- bzw. MDR-Tb; davon entfielen 817 auf die Länder der EU und des EWR. Während weltweit 3,2 % der neuen Tuberkulosefälle und 16 % der bereits behandelten Fälle auf RR- bzw. MDR-Tb entfallen, liegen diese Zahlen in der Europäischen Region bei 23 % bzw. 51 % und damit etwa sieben- bzw. dreimal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt.

In den Ländern der EU und des EWR machen RR- und MDR-Tb 3,5 % der Tuberkulosefälle aus; die Behandlungserfolgsquote in diesen Fällen liegt jedoch nur bei 56 %. Schlechte Ergebnisse bei der Behandlung von MDR-Tb führen dazu, dass medikamentenresistente Stämme fortbestehen und sich ausbreiten, was die dringende Notwendigkeit einer besseren Diagnose und Versorgung unterstreicht.

Weitere Ergebnisse

  • Tuberkulose-HIV-Koinfektion: In der Europäischen Region wurden nach Schätzungen 23 000 HIV-positive Tuberkulosefälle registriert, von denen 80 % auf die Russische Föderation (52 %) und die Ukraine (28 %) entfielen. Trotz hoher HIV-Testquoten bei Tuberkulosepatienten (93 %) wird beim Versorgungsgrad mit antiretroviraler Therapie das flächendeckende Ziel der WHO verfehlt.
  • Behandlungserfolg bleibt weit hinter den Zielvorgaben zurück: Die Behandlungserfolgsquote in der Europäischen Region bleibt weit hinter den Zielvorgaben zurück. Die Erfolgsquoten für die Behandlung von inzidenter Tuberkulose und RR- und MDR-Tb lagen bei 74 % bzw. 66 %; als Zielwerte angestrebt waren 90 % bzw. 80 %. In den Ländern der EU und des EWR liegt die Gesamterfolgsquote der Behandlung bei 64 % gegenüber der von der WHO festgelegten Vorgabe von 90 %. Bei RR- und MDR-Tb und präextensiv medikamentenresistenter Tuberkulose (Pre-XDR-Tb) fallen die Ergebnisse noch wesentlich schlechter aus: mit einer Behandlungserfolgsquote von 56 % bzw. 52 % und einer Mortalitätsrate von 13 % bzw. 11 % .
  • Häftlinge akut gefährdet: In den Ländern der EU und des EWR liegt die gemeldete Tuberkulosequote unter Häftlingen bei 121,6 Fällen pro 100 000 - ein 13,2-fach höheres relatives Risiko verglichen mit der Allgemeinbevölkerung. Die Meldung von Daten über Tuberkulose in Haftanstalten ist in der gesamten Europäischen Region nach wie vor mangelhaft.
  • Kinder und geografische Ungleichheit: Mehrere Länder in der Europäischen Region verzeichnen eine Tuberkulose-Melderate für Kinder unter 4 Jahren von über 10 pro 100 000, was die anhaltenden Ungleichheiten innerhalb der Region verdeutlicht.

Handlungsappell

WHO/Europa und das ECDC appellieren an die Mitgliedstaaten und die Institutionen in der Europäischen Region, umgehend zu handeln, und zwar durch:
  • Intensivierung der Tuberkuloseprävention und der Früherkennung von Tuberkulosefällen, um die Diagnoselücke in Höhe von einem Fünftel zu schließen, mit Schwerpunkt auf Hochrisiko- und Randgruppen wie Häftlingen;
  • Ausweitung des Zugangs zu der von der WHO empfohlenen Schnelldiagnostik und zu Empfindlichkeitstests, insbesondere in Umfeldern mit hoher Prävalenz;
  • Ausweitung vollständig oraler Kurzzeit-Behandlungsschemata für die medikamentenresistente Tuberkulose, um den Behandlungserfolg zu verbessern und die Verluste bei der Weiterverfolgung zu verringern;
  • Stärkung der Verflechtung der Tuberkulose- und HIV-Versorgung und Verbesserung des Versorgungsgrads mit antiretroviraler Therapie für Personen mit Koinfektion; und
  • Verbesserung der Berichterstattung über die Surveillance von Tuberkulose-HIV-Koinfektionen, Tuberkulose in Haftanstalten und Behandlungsergebnisse, um zu einer evidenzbasierten Politikgestaltung und zu Fortschritten bei der Eliminierung der Tuberkulose beizutragen.
Der Bericht "Tuberkulose-Surveillance und -Kontrolle in der Europäischen Region 2026" ist eine gemeinsame Publikation von WHO/Europa und ECDC. Die vorgelegten Daten beziehen sich auf das Überwachungsjahr 2024 in den 53 Ländern der Europäischen Region der WHO insgesamt sowie speziell in den 30 Ländern der EU und des EWR. Sämtliche zitierten Schätzungen zur Tuberkuloseprävalenz stammen aus dem Globalen Tuberkulosebericht 2025 der WHO.

Dieser Artikel wurde am 24. März 2026 geändert, um bei der redaktionellen Bearbeitung entstandene Fehler in Bezug auf das Zitat der ECDC-Direktorin Dr. Pamela Rendi Wagner zu korrigieren.

WHO - World Health Organization Regional Office for Europe published this content on March 23, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on March 25, 2026 at 20:58 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]